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Geſammelte Gedichte. 183
Mit Reben umrankt vor dem Tor ſich die Höh'
Bis hinab zum Mettnaugeſtade,
Und ſchimmernd ladet der Unterſee
Zum kühlenden Wellenbade.
Wenn dort ich in wohligem Schwimmerſpiel
Der Fluten Tiefe durchſchneide,
Grüßt altbefreundet der Hohentwiel
Aus bergſtolzer Hegauweite.
Schön iſt er, im dämmernden Morgengrau
Vom Duft der Ferne umfloſſen,
Und ſchön, wenn zum Abend⸗Purpurblau
Sich der Sonne Glühgold ergoſſen.
Nur langſam verglaſtet der blendende Schein,
Doch kaum iſt erloſchen der Schimmer,
So hüpft auf den Wellen der Mondenſchein
Mit ſilberweichem Geflimmer.
Vergnüglich ſitzt man am Strande feſt
Und vergißt den Koffer zu packen.
O Radolfzell, du altes Neſt
Mit deinen Mauerwacken!
Der Jubilar im Neckartal
(zum 5. November 1873).
Das war ein ſchmucker Pfarrvikar,
Alt Wertheims Sohn und Zierde,
Als man ihn heut vor fünfzig Jahr
Zum Kirchdienſt ordinierte.
Er diente ihr, wie Gott ihn ſchuf,
Mit reichen Geiſtesgaben
Und hat, getreu dem Lehrberuf,
Sein Pfund nicht leer vergraben.
Wie er ſich hielt zu ſeinem Amt
Bezeugt ihm die Gemeinde,
Er hat geflucht nicht, noch verdammt,
Und keinen Mann zum Feinde.
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