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Geſammelte Gedichte. 189
Zwei Mainautage.
I.
Warmer Sommer, Ernteſegen,
Friſche Lüfte, klare Nacht,
Wer gedenkt nicht, Sternenhalle,
Dein und deiner Mondſcheinpracht?
Silber ſprühten Lunas Strahlen
Durch des Säntis Wolkenhut,
Zitternd, Sternglanz widerſchimmernd,
Hob und ſenkte ſich die Flut.
Und die Seele trank des Himmels
Licht ſehnſüchtig wie der See, L
Und im Hauch der ewigen Schönheit
Löſte ſich das letzte Weh!
II.
Wolken grau und Nebelſchleier,
Schnupfenlüfte feucht und ſchwer,
Eingeregnet Schloß und Garten
Und die Sternenhalle leer.
Unverjagt von Weihrauchdämpfen
Schwirrt ein ſpitz Inſektenſummen;
Halb erkältet, halb zerſtochen
Hört man Inſulaner brummen:
„Ach, auch hier der Kampf ums Daſein,
Auch im Schönen ſolche Haken,
Und kein Paradies auf Erden
Ohne Regen, Rauch und Schnaken!“
Ein Feſtabend des Karlsruher Künſtlervereins.
Vorfrühling brauſt durchs Land mit ſcharfem Hauche,
Sehnſucht nach Lenz und Sonne ſchwellt die Bruſt:
Das iſt die Zeit, wo nach der Völker Brauche
Held Karneval regiert und Faſchingsluſt.
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