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Geſammelte Gedichte.
Einſt ehrten Griechenland und Rom
Die Himmliſche, die Muſe;
Jetzt hält ſie vor des Oſtens Strom
Und hebt die Hand zum Gruße!
Glückauf, mein bergſchön Buchenland,
O Cäcina, wie glühſt du!
Ich komme mit dem Morgenrot,
Hauptſtadt am Pruth, nun blühſt du!
Ich bring' euch, wie Aurora, Licht,
Denn Finſternis tut Schaden;
Ich bringe Licht und fürchte nicht
Die Wölfe der Karpathen.
Ihr ſollt mit Gott⸗ und Weltweisheit
Des Schöpfers Lob bekunden,
Als Richter üben Gerechtigkeit,
Als Ärzte heilen die Wunden:
Und jugendfriſch mit Hall und Schall
Den freien Künſten dienen,
Sangfröhlich wie die Nachtigall,
Treufleißig wie die Bienen.
Schau auf, ſchon zieht und brauſt daher,
An deinem Ufer zu wohnen,
In vollem Wichs mein flottes Heer
Mit Koller und Kanonen,
Rutheniſch, deutſch, rumäniſch Blut
Vielzüngig miteinander!
Und ſtaunend hört der Vater Pruth
Den erſten Salamander:
„Heil dir, gewaltig SOſterreich,
Heil Wiſſen dir, im Oſten,
In Sprachen bunt, im Geiſte gleich
Ziehn wir am Pruth auf Poſten:
Nun blühe, jüngſter Muſenſitz,
Francisco⸗Joſephina!
Frau Muſe lehrt in Czernowitz
Und ſchirmt die Bukowina!“
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