Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,mi-7/10
Scheffel, Joseph Victor von; Franke, Johannes [Hrsg.]
Joseph Victor von Scheffels sämtliche Werke: mit acht Kunstbeil. nach Gemälden von E. Grützner, A. Liezen-Mayer, Anton von Werner u.a., einer Kt. u. drei Handschriften (Bd. 9: Gesammelte Gedichte)
[1916]
Seite: 196
(PDF, 39 MB)
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196

Geſammelte Gedichte.

Doch der Krug, mir vom „Engern“ einſt dargebracht,
Mit Bildwerken vielgeſtaltigen,
Den will ich am Eilften um Mitternacht
Auf euer Wohl vergewaltigen.

Mög jeder, wie ich, im kunſtfrohen Drang

Sein Halbjahrhundert verleben,
Dann wird es auf Erden mehr Sang und Klang
Und weniger Langweile geben.

II.

Als am zwölften Hornung das Frührot mich weckt',
Da ſaß wie ein alter Bekannter
Vor meinem Bett, auf drei Stühle geſtreckt,
Ein rieſiger Salamander.

Er ſprach, und ſein kluges Augenpaar lacht':

„An der Donau ſind viel, die dich lieben,

Mich haben zu Wien dir um Mitternacht
Zweitauſend Sänger gerieben.“

„Herr Gott!“ rief ich klagend, „zweitauſend in Schar?
Wie kann ich einzeln da danken?
Da müßt' ich das ganze nächſte Jahr⸗
Salamandernd das Leben durchſchwanken!

Nur eine Haupt⸗ und Staatsaktion
Kann zeigen, wie ſehr ihr mir teuer:
Steh auf ! ich küſſ' dich für alle, mein Sohn,
Du feuchtfröhlich Ungeheuer!“

Der Kuß war ſchwierig, und als er ſaß,
War plötzlich das Untier verſchwunden,
Doch hab' ich am Platz als Reiſepaß
Das Feſttelegramm gefunden. —

Gott laß euren fröhlichen Sängermut
Noch manche Feſtblüte treiben!
Der Singkunſt war ich als Jüngling ſchon gut,
Ich 1n will's auch als Jubelgreis bleiben.


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