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198 Geſammelte Gedichte.
Des Meiſter Joſephus zu Karlsruhe Erwachen
am 11. Februar 1876.
(Dem akademiſchen Korps Auſtria in Czernowitz als Dank für den
Glückwunſch zum 50. Geburtstag.)
Wie ich vor Tagesgrau'n den Fuß
Verträumt im Bett noch ſtrecke,
Schallt ſchon der erſte Morgengruß
Hollaheh! vom „Scharfen Ecke“.
Das „Scharfe Eck“ zu Czernowitz
Singt früh ſchon durch die Straßen —
Gott ſegne den jungen Muſenſitz,
Der heut mir die Tagwacht geblaſen.
Dank an den Geſangverein „Harmonie“ in Trautenau.
Flegel fand ich überall;
Doch als ſehr anſtändige Leute
Begrüß ich die Flögel in Trautenau
Und danke für'n Glückwunſch heute.
Seefahrt.
Will des Lebens Sorge ihr düſter Grau
Dir zeigen in ſpätern Jahren,
So denk an die Inſel Reichenau
Und wie wir zum Feſtland gefahren!
Grün wogte die Welle, leicht tanzte das Boot,
Harmoniſch erklangen die Lieder —
Ein Hauch von jenem Seeabendrot
Erliſcht in der Seele nicht wieder.
Der Rheinfall.
Zum hohen Randen trägt der Wind ein Brauſen,
Durch hohlzerſpülten Stromgrunds weite Bogen
Kommt voll und breit ein Flutenſchwall gezogen
Und ſtürzt ſich tobend durch die Felſenklauſen.
Das ſind die Donner Gottes, die hier ſauſen,
Das iſt, milchweiß im Schaumgeſtieb der Wogen,
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