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Geſammelte Gedichte. 203
Bis hüben und drüben am Ufer
Der Spenderin Sprache erklingt,
Bis hüben und drüben die Fahne
Der Deutſchen ſchwarz⸗weiß⸗rot ſich ſchwingt.
Jahrtauſend ſchwand um Jahrtauſend,
Nun hat die Zeit ſich erfüllt.
Aus fernſter Vergangenheit grüßen
Geheimnisvoll Zeichen und Bild.
Vor Hildesheim blinkte aufs neue
Ein Prunkſchatz der Varusſchlacht,
Nun dankt auch der Rhein für die treue,
Die feſte germaniſche Wacht.
Ein Brückengrund ward gegraben
Bei Koblenz; im Kieſe — ſchaut hin,
Wer ſoll das Stromkleinod haben:
Auguſta, die Kaiſerin.
Zum weißen Sonntag.
Heut hat uns, als der Freuden beſte,
Des Frühlings Blütenſchnee entzückt,
Auch du haſt dich zum Oſterfeſte
Nach frommer Sitte weiß geſchmückt.
Der Zukunft Dunkel ruht verborgen,
Dein Gang iſt noch ein leichter Tanz,
Die Welt liegt wie ein Maienmorgen
Vor dir, voll Duft und Licht und Glanz.
Von einem treuen Freund der Deinen
Nimm als Erinn'rung dieſes Buch,
Und will das Leben ernſt dir ſcheinen,
Denk' an den ſchlichten Chriſtenſpruch:
„Geh' deinen Weg
Auf rechtem Steg,
Kenn' weder Neid
Noch falſches Haar,
Schlicht ſei das Kleid,
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