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Geſammelte Gedichte.
Die Rede wahr;
Bet', hoff' auf Gott
In aller Not,
Schweig' und vertrau',
Hab' acht und ſchau,
Großwunder wirſt du ſehen!“
Ludwig Eichrodt zum 50. Geburtstage.
2. Februar 1877.
Einſt ſah man im heimiſchen Urwaldrevier
Vorvorfahren Eichen roden,
Heut wird von Rheinſchwabenlands Muſe dir
Friſchgrünender Lorbeer geboten.
Sie hüte dein, daß nicht am Jubeltag
Dich Feſtgaſtumarmung erdrücke,
Daß Drahtgrußbeglückwünſchungshagelſchlag
Das Haupt dir nicht ſchmettre in Stücke!
Daß „Biedermaiers“ frohglücklicher Mut
Dich ins höchſte Alter bewahre;
Der „ſah und roch und ſchmeckte noch gut“
Und ſang noch im ſiebzigſten Jahre:
„Was bin ich für ein Glücklicher,
Daß ich geſund noch hauche
Und jetzt, als hoher Siebziger,
Noch keine Brille brauche!
Daß ich mit meinem Augenlicht
Noch jede Schrift kann leſen
Und in dem ganzen Leben nicht
Zwei Tage krank geweſen!
Ich höre, rieche und ſchmecke noch gut,
Darf noch mein Haupt nicht beugen
Und kann mit meinem Stock und Hut
Hoch über Berge ſteigen.
Und hat der Mund auch nimmermehr
Viel Zähne aufzuweiſen,
Kann ich den Vierunddreißiger
Noch immer herzhaft beißen!“
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