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Geſammelte Gedichte. 219
Zu Rietheim im „Löwen“
am längſten Tag. (21. Juni 1881.)
„Gott geb' allen Menſchen ein Streben nach Wahrheit,
Dann fehlt auch dem Wein nicht die Echtheit und Klarheit.
Gott ſpende des Sonnenlichts ſonnigſten Strahl
Den Blüten der Reben im Glottertal.“
So ſprachen im Löwen zu Rietheim die Gäſte;
Sie nippten vom alten Reſt noch das Beſte.
So lieblich auch ihnen der alte mocht frommen:
Notwendigkeit wird es, ein neuer muß kommen.
Zwei Gedenktage.
I.
16. Auguſt 1689.
In den Wald bei Langenſteinbach dringt der Morgenſonne
Weckt die Schläfer, die drin ſchliefen: traurig Volk i in bunten
Reihn,
Durlachs Bürger, alt und jung und reich und arm, in wirrer
Flucht,
Die dort beim Ruinenkirchlein Nachtquartier im Moos geſucht.
Kühl und kalt von Frankreichs König war⸗ den Heer Befehl
eſandt:
„In der Pfalz und längs des Rheines wiſtet nir das deutſche
Und ſie kamen, Duras, Melac... vor den⸗ welſchen Pechkranz⸗
ruß
Ging, wie Iſrael zur Wüſte, Durlach auf len Exodus.
Reiſeſegen war gebetet, Ochs und Rößlein ward geſchirrt
Und zu Fuß und Bauernwagen leichten Bündels fortgeirrt;
Da am Ittersbacher Hügel, wo zur Ausſicht frei die Höh',
Hielt der Zug wie feſtgebannt und ſcholl Wrn dreifach klagend
Der Vertriebnen Wangen netzte ſchmerzenbittrer Tränen Tau,
Von dem Bergturm auf dem Turmberg ſtieg ein Qhaalm ins
Morgenblau;
Der des Landes treuer Hüter war und Wächter in Gefahr,
Wies mit ausgebranntem Dache, wie er ſelber hilflos war.
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