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220 Geſammelte Gedichte.
Und die Stadt? o Bild des Jammers! ... ſchwarzer Rauch und
rote Glut
Wogten ob den hohen Giebeln.. gierig fraß der Flammen Wut
Hier die Kirchen, dort das Rathaus, dort die Karlsburg weit
und groß,
Friedrich Magnus, des Markgrafen, Reſidenz und Lieb⸗
lingsſchloß.
Steine mochten ſich erbarmen, denn die Weiber ſeufzten ſchwer:
„Weh und aber Weh! wir Armen haben keine Heimat mehr;
Weh! vom trauten Herd des Hauſes, Vorratskammer, Tiſch
und Tuch,
Kräht der rote Hahn und treibt nun hier im Feld der Brand⸗
geruch.“
Schluchzend wieſen die Scholaren, von den Wucht des Anblicks
mm,
Ihrem Rektor eine Wolke: das Gymnaſium eclaſſicum!
Der ſah hin und ſah zum Himmel — und den Hut vom Haupt
er nahm;
Nur das Wort „Exoriare!“ über ſeine Lippen kam.
Und ein Glührot ob dem Hochland und ein Sluhrot fern am
Wald
Kündete: Hier ſchützt kein Schwert mehr vor des Feindes All⸗
gewalt,
Längs der Pfalz die reichen Dörfer — Pforihein mit der Für⸗
engruft —
Und des Rheintals feſte Märkte.. wirbeln Aſche in die Luft.
Jedem war, als ſei ihm ſelbſt der eigne Leichenzug beſtellt,
Als ſie jenes Feld verließen, jenes Tränenklagefeld;
Württembergs erſehnte Grenze der Verſcheuchten Marſchziel
war —
Und im Buchwald ward es ſtille — und bergab verſchwand
die Schar.
II.
18. Januar 1871.
Im Verſailler Königsſchloſſe prangt die Spiegelgalerie
Als ein langgedehnter Prunkſaal üppiger Bauherrnphantaſie;
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