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Geſammelte Gedichte. 221
Marmorpfeiler, Marmorwände, Kandelaber ſäulenſchlank,
Stukko, Bronze⸗ und Goldverzierung, Steinſchliffbögen glatt
und blank.
Aus der Decken Wölbung blinken kühne Freskobilder drein,
Auch ein pomphaft allegoriſch überwundner Vater Rhein.
Doch an einem Tag im Jänner ſah man andre Zeichen hier:
Des vierzehnten Ludwig Prachtſchloß war der Deutſchen Haupt⸗
quartier!
Grenadiere halten Wache, Offiziere treten ein,
Des geſamten Heers Vertreter ordnen ſich in dichten Reihn,
Obriſten und Generale, Galauniformenpracht,
Abgeſandte und Miniſter und des Bundeskanzlers Macht.
Hoch auf der Eſtrade rauſcht der Fahnen und Standarten Wald,
Deren alten Ruhm ein blutig neuerkämpfter überſtrahlt,
Und, ein hoch Gelübd' gelobend, in dem Ring der Fürſten ſteht
Silberweißen Barts des Kriegsherrn ſieggekrönte Majeſtät.
Badens Friedrich, als der Eidam mit dem Heroldamt be⸗
traut,
Tritt hervor und „Deutſchlands Kaiſer Wilhelm lebe!“
ruft er laut,
Und ein Hurra! ſtimmt ihm bei vielhundertfältig, ſiegsgewiß
.. Dumpf als Echo murren ferne die Kanonen von Paris.
Dann als ſchönſte Morgengab' dem neuen Reiche dargebracht,
Kam die Meldung: „Badens Streitkraft hielt ver Belfort treue
acht!
Dreifach ſtärker war der Angriff, glatt das Eis und kalt der
nee
Doch: wir laſſen keinen durch! ſprach Werder⸗ trutzige Ar⸗
mee!...“
So durft', als der Treuen erſter im Verſailler Königsſchloß
Seinen Heldenkaiſer grüßen ein erlauchter Enkelſproß
Des Markgrafen Friedrich Magnus, der des Leids ſo viel
eſtand,
Dem des Spiegelſaals Erbauer Stadt und Ahnenburg ver⸗
brannt.
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