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Geſammelte Gedichte.
Die Stimme, die ſolch Ständchen bracht',
Einſt bei der Schlücht Gebraus,
Drang ſeit der kalten Winternacht
Weit in die Welt hinaus.
Sie klang, wo frommes Volk ſich ſchart
Im Dom zu Gottes Ehr,
Und wo auf heitrer Sängerfahrt
Von⸗Wein die Becher ſchwer.
Nun ſind die Locken ſchier ergraut;
Heut zählt man fünfzig Jahr,
Daß er zum erſtenmal ward laut,
Zur Freud' dem Elternpaar.
Doch geht der Schritt noch frank und leicht;
Glückauf zum Jubeltag!
Das grüne Band iſt nicht erbleicht,
Er ſingt wie Lerchenſchlag:
„Seid mir gegrüßt im Sonnenglanz,
Du ferner Alpenſchnee,
Ihr Berge meines Heimatlands,
Und du, mein blauer See!“
Der hohe Stoffeln winkt's vertraut
Dem hohen Hewen zu,
Durch Wald und Flur erklingt es laut:
„Mein Hegau, ſchön biſt du!“
Zum 17. Februar 1883.
(An Emma Heim.)
Die Zeit, die böſe Zeit
Wollt' unſre Hauptſtadt ſehn,
Da mußt' ſie wegen Zahnſchmerz
Zum Hof⸗Dentiſten gehn.
Der Zahnarzt tat ſein Werk
Und brach den Zahn ihr raus;
Der Dreher ſchliff ihn glatt
Und ſchuf dies Falzbein draus.
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