Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-1
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (1)
[1919]
Seite: 23
(PDF, 92 MB)
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3. Maler oder Dichter? (1852—54).

ordentlichen erhöhte. Ihn aber traf es wie ein Vorwurf, wie eine
Zurechtweiſung, als die Gattin eines der Genoſſen, des ſpäteren
Direktors der Wiener Galerie, Eduard von Engerth, ihm zurief:
„Sie ſind ja ein Dichter!“ Er wurde ſchweigſam und nachdenklich,
aber er geſtand allmählich den Freunden, daß wirklich dichteriſche
Pläne in ihm aufſtiegen. Nach der Rückkehr in die Stadt durfte
Engerth ihn ſchon als „Herkules am Scheidewege“ zeichnen, den
die Muſen der Malerei und Dichtkunſt gleich lockend umſchmeicheln.
Und die Reize der Malkunſt verblaßten wie der Glanz der ſüd—
lichen Landſchaft vor den Erinnerungen, die ihn rückwärts, in die
Heimat zogen. Dieſen Deutſchen konnte Italien ſo wenig be—
zwingen wie vor ihm etwa Ludwig Richter. Er ſtand auf der
Höhe des Koloſſeums und ſchaute „ſtill vergnügt ins Land hinaus“,
und ſeinem inneren Blick wandelte ſich die Campagna in die
Rheinebene, St. Peter ins Straßburger Münſter und der Monte
Cavo in einen Kinzigtaler Berg; „Rom und die Gegenwart ſind
weggeblaſen“, ſein Herz weilt in der Heimat, bei ſeiner Liebe.
Gleich nachdem er von Säckingen zurückgekehrt war ins Vater-
haus, hatte die ihn überfallen. In Zell am Harmersbach ſaß ein

Verwandter der Familie von Gengenbacher Beziehungen her,

der Apotheker Karl Heim. Vorurteilslos hatte er ſeine Tochter
Emma erſt in Offenburg im Kloſter, dann bei einem proteſtanti⸗
ſchen Pfarrer in Rheinheſſen erziehen laſſen. Auf der Rückreiſe
von dort kehrte ſie mit ihrer Mutter ein im Scheffelſchen Hauſe.
Es wurde für den Dichter ein Wendepunkt in ſeinem Leben, als
die Sechzehnjährige „hochſtirnig, feinnaſig, zartlippig“, „in ſtolzer
Jugendſchöne prangend“, „hereinrauſchte“ in ſeine grüne Man-
ſardenſtube, ſein Herz eim Sturm erobernd“. Es war um ihn
geſchehen. In ſeinem erſten Briefe ſchon vom 20. Oktober 1852
legt er ihr dringend nahe, „die große Wahrheit nie zu vergeſſen,
daß es leichter iſt, einen zerriſſenen Strumpf wieder zu flicken als
ein zerriſſenes Herz“. Er ſucht ſie baldigſt zu Haufe auf, er ſchreibt
ihr aus Bruchſal Briefe, in denen die tiefe Erregung ſich mühſam
unter ſcherzhaft ironiſchen Wendungen verbirgt. Er iſt ohne Ab-
ſchied von ihr zu nehmen hinaus in die weite Welt, ſeinem Sterne
nach gezogen, aber mit doppelter Gewalt überfällt ihn in der
Fremde die Sehnſucht, die keine Schönheit ſüdlicher Landſchaft,
kein Reichtum ſüdlicher Kunſt zu ſtillen vermag:
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