http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke1/0027
10
15⁵
35⁵
3. Maler oder Dichter? (1852—54).
Und doch hatte er einſehen müſſen, daß es mit der Malerei als
Beruf für ihn nichts ſein könne; „zum Malen bin ich zu alt“,
ſchreibt er Schwanitz, indem er wenigſtens theoretiſch noch an
dem alten Irrtum über ſeine Beſtimmung feſthält. Als Ergebnis
des langen Aufenthaltes in der Fremde konnte er nichts aufweiſen
als die Erinnerung an ein glückliches Fahr und die Handſchrift
ſeiner „Trompeter-Dichtung. Es konnte dem Vater unmöglich
einleuchten, daß darauf eine Zukunft ſich bauen ließe; wer wird
ihm verübeln, daß er zu einem Entſchluſſe drängte? „Ich lebe
zur Zeit in der unerträglichen Stellung eines Mannes, der noch
keinen Boden unter den Füßen hat“, muß Scheffel ſelbſt bekennen.
In den Staatsdienſt mochte er auf keine Weiſe zurück; ſo faßte er,
ungern und zaudernd, den Entſchluß, ſich in Heidelberg zu habi—
litieren, „Privatdozent und Proletarier zu werden“, wie er es in
bitterem Scherze bezeichnet.
Aber noch iſt er jung, und trägt er nicht eine Liebe im Herzen,
die wohl Erſatz bieten könnte für ſo manche geſcheiterte Hoffnung?
Der Werbung eines unbequemen Verehrers auszuweichen,
war Emma Heim im Zuli nach Offenburg zu Verwandten ge—
gangen. Die ihr und Scheffel gemeinſame Tante, bei der ſie
wohnte, rief dieſen herbei, daß er jetzt um die Geliebte werbe.
Er kam, zaudernd und ungeſchickt hielt er an und ward abgewieſen.
Emma hatte ihr Herz einem anderen geſchenkt: wenige Wochen
darauf verlobte ſie ſich mit Hektor Mackenrodt, dem Auslands—
reiſenden der Zeller Porzellanfabrik, einem gebildeten, tüchtigen
Manne, Sohne des Oberbürgermeiſters von Fulda. So nahe
Scheffel der Schlag ging, auch jetzt lief er nicht als ein „à la Heine
Zerriſſener“ umher. Mit ſtillem Verzicht fügte er ſich in ſein
Geſchick, betrübt, doch ungekränkt zog er an einem verregneten
Morgen über die Berge nach Hauſe, mit einem Segenswunſch
für die Geliebte auf den Lippen und dem Gelöbnis unerſchütter⸗
licher Liebe: „Doch wend' es ſich zum Guten oder Böſen, Du
ſchlanke Maid, in Treuen denk' ich dein!“ Bald darauf ſchon kann
er Emma wieder in ihrer Heimat beſuchen; zu ihrer Verlobung
freilich beglückwünſchte er ſie erſt im Dezember, als Angebinde
überreichte er ihr dabei — den „Trompeter“. Der war, nachdem
in der J. B. Metzlerſchen Buchhandlung in Stuttgart glücklich
ein Verlag ſich gefunden, auf Weihnachten 1853 erſchienen.
25 *
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke1/0027