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4. Neues Dichten und Planen und erſte Hemmungen (1855 — 59).
Und ſchon war ihm ein neuer Erzählungsſtoff aufgegangen:
er dachte an einen Roman, in deſſen Mittelpunkt Frene di Spilim⸗
bergo ſtehen ſollte, die geiſtvolle Schülerin Tizians. Der Stoff
war ihm nahe gerückt worden durch ein Bild ſeines Landsmannes
Anſelm Feuerbach, der damals in Karlsruhe lebte und genügend
von ſich reden machte, daß Scheffel auf ihn aufmerkſam werden
mußte. Vielleicht hatte ihn zunächſt Feuerbachs Bild „Hafis in
der Schenke“ angezogen, das mit ſeiner eigenen Hafisbegeiſterung
zuſammentraf. 1854 war der „Pietro Aretino“ fertiggeworden.
Das Bild regte Scheffel an, ſich mit ſeinem Stoffkreiſe zu beſchäf⸗
tigen. In ihm ſtieß er dann auf jene Frauengeſtalt, die mannhafte
Züge, die Neigung für humaniſtiſche Studien der Hadwig ſeines
„Ekkehard“ ähnlich erſcheinen ließen. Zugleich aber erinnerte ihn
dies kunſtfrohe, ſo geiſtvolle als jugendſchöne, viel umworbene
Mädchen an die Schweſter. Und ſichtlich als ein Abbild Mariens
ſollte Frene in den Mittelpunkt ſeiner Erzählung treten. „An—
fänglich Weltdame und Dilettantin, fröhlich in Malerei, Muſik
und Tanz, überall zündend, ſelbſt kühl, vielfach umworben“: ſo
lauten Notizen für die Charakterzeichnung Frenens, die ſich im
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Nachlaß fanden. Ihre Geſtalt ſollte von einer breiten Schilde—
rung des Renaiſſancelebens in Venedig ſich abheben. Als ihr
Gegenſpieler aber war ein Deutſcher gedacht, Dietrich von Ro-
denſtein. Auf ihm ſollte nach den erhaltenen Aufzeichnungen
etwas Schickſalstragödienhaftes liegen, ein dämoniſches Familien⸗-
erbe laſten. Sein Charakter ſollte Farben zeigen, die der Dichter
ſichtlich aus dem eigenen Buſen holte: „Held und Unheld, wie
das Menſchenherz trotzig und verzagt“.
Der Plan war für Scheffels Arbeitsweiſe nicht ausführbar
ohne die genaueſten Studien an Ort und Stelle. Der Schrift—
lohn für den „Ekkehard“ gab die Mittel zur Reiſe, Anſelm Feuer-
bach war der willkommene Begleiter. Er hatte vom Großherzog
von Baden den Auftrag erhalten, die Himmelfahrt Mariens von
Tizian in Venedig nachzumalen. Am 23. Mai 1855 brach Scheffel
von Karlsruhe auf und vereinigte ſich in München mit dem Maler.
Über den Brenner ging's nach Bozen, wo ein Beſuch des erinne-
rungsreichen Runkelſtein ſo ſtarke Anregung gab, daß der Dichter
am liebſten gleich einen ganzen Roman um ihn erſonnen hätte; als
ſchöne Frucht iſt wenigſtens das anmutige „Gaudeamus“Gedicht
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