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5. Frau Aventiure (1859—64).
Am 16. März 1861 verließ Scheffel Breſtenberg, um nach
Karlsruhe zurückzukehren, wo ihn freilich „die alte melancholiſche
Stimmung wie ein böſer Schatten“ verfolgte. Fröhlicher ward's
ihm erſt im Juni in den geliebten Wäldern von Rippoldsau zu⸗
mute, den Zuli verbrachte er in Fagſtfeld. Im Auguſt ſaß er,
wieder vom alten „Satanas Melancholicus“ geplagt, in dem „un-
ſympathiſchen Rheinſand“ von Karlsruhe. „Meine melancholiſche
Anlage iſt leider nicht mehr wegzubringen und ich bin am liebſten
allein, gehe oft wochenlang nur im Hausgarten auf und nieder
und nicht übers Tor hinaus“, ſchrieb er am 21. Auguſt und floh
ein paar Tage ſpäter wieder an den Niederrhein und in die Eifel.
Und faſt das ganze folgende Fahr verbrachte er auf weiten
Wanderfahrten. Im März ſchon brach er auf, zunächſt nach Tü—
bingen, um dort Uhland, den er als Politiker und Dichter gleich
hoch verehrte, einen Beſuch abzuſtatten. Er traf ihn auf dem
Krankenlager, vom nahenden Lode gezeichnet, unfähig zu ſprechen.
Durch die Schwäbiſche Alb und den Schwarzwald ging ſein Weg
nach der Schweiz. Wieder ſiedelte er am Hallwyler See ſich an,
diesmal nicht in der Anſtalt ſelbſt. Von dort ſchweifte er an jedem
ſonnigen Tage durch die burgenreichen Kantone Aargau und Lu—
zern bis in die Alpen und den Jura hinein, durchwanderte im
Herbſt das Engadin und ſchloß endlich mit einem Beſuche der Burg
Hohenems in Erinnerung an die einſt hier bewahrten Handſchrif⸗
ten des Nibelungenliedes und den Epiker Rudolf von Ems. „Da⸗
bei iſt mir der Kopf wieder leicht und hell geworden und die Natur
hat ihre Selbſtheilkraft bewährt.“ Am 15. September 1862 ſaß
er „ſinnierend“ am Roſeggio-Gletſcher und dachte ſeines großen
Planes; er fühlte ſich geſtärkt genug, ihn wieder aufzunehmen und
brachte Frau Aventiure ſeinen Weihetrunk:
„Sie hat mir reichlich Weh und Leid geſpendet,
Doch eine Stimme flüſtert mir: bezwing's!
Zu frohem Werke ſteht mein Wort verpfändet,
Ich geh' zugrunde — oder ich vollbring's.“
Es war ihm allmählich klar geworden, daß der reiche Lieder-
ſegen, der ihm in den letzten Fahren zugeſtrömt war, nicht, wie
urſprünglich geplant, in dem Roman ſich werde unterbringen
laſſen. So entſchloß er ſich jetzt, ein beſonderes Liederbuch zu—
ſammenzuſtellen. Er entwickelte Ende 1862 Arnswald ſeinen
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