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Scheffels Leben und Werke.
Plan; Ritter, fahrende Schüler, Mönche ſollten darin zu Worte
kommen, „alles bunt durcheinander, aber jedes eine beſondere
Seite der mittelalterlichen Kultur repräſentierend“.
Dieſen Entſchluß zu beſchleunigter Ausführung zu bringen,
veranlaßte ihn eine Notiz, die am letzten Tage des Fahres von
der „Koburger Zeitung“ gebracht wurde. Sie meldete ihren Le—
ſern „die erfreuliche Kunde“, daß der „talentvolle Dichter des
Ekkehard' aus der Heilanſtalt für Geiſtes- und Gemütskranke in
Ilmenau, in welcher derſelbe einige Zeit verweilte, als völlig ge—
heilt entlaſſen werden konnte“. Den reizbaren Dichter erregte
dieſe Nachricht, ſeeliſch begreiflich, um ſo lebhafter, als er an ſol-
chem Schickſal wirklich auf Haaresbreite vorbeigeſtreift war. Er
unternahm alle möglichen Schritte, den Klatſch zu widerlegen, ja
die Urheber der böswilligen Verleumdung, wofür er die Notiz
hielt, zur Rechenſchaft zu ziehen. Eine glückliche Folge des Vor⸗—
gangs aber war, daß er nun, der Welt ſeine geiſtige Geſundheit
zu beweiſen, die Zuſammenſtellung und Veröffentlichung ſeines
Buches mit einer lange ſchon ungewohnten Tatkraft betrieb; im
Februar ſchon ſchloß er mit Bonz den Verlagsvertrag ab. „Ich
habe mich des Sophokles erinnert“, ſchrieb er am 12. März an
Dr. Erismann, „der, als er für altersſchwach erklärt werden ſollte,
ſeinen Richtern einen Chorgeſang aus dem Odipus auf Kolonos
vorlas“. Der äußere Antrieb wirkte um ſo glücklicher, als der
Dichter ſelbſt mit dem Umfange des Dargebotenen keineswegs
ſchon zufrieden war. Immer wieder deutete er Freunden an, daß
er das Buch nur als ein Bruchſtück empfinde, dem vieles zur Ab—
rundung fehle. Hohenſtaufiſche Kriegserinnerungen aus Welſch—
land und Italien, der Vater der höfiſchen Dichtung, Heinrich von
Veldeke, und die kleineren thüringiſchen Epiker, die erſten römiſch
rechtlich gebildeten Furiſten, innere Einzelheiten des Burg- und
Kloſterlebens und manches ſonſt ſchwebten ihm zur Behandlung
vor; „an Stoff weiß ich eher zu viel als zu wenig“. Der heutige
Leſer ſtellt dieſe Anſprüche kaum. Er weiß dem Verfaſſer ſchon
Dank genug, daß er eine Einſicht gehabt, die in der germaniſtiſchen
Wiſſenſchaft ſelbſt heute noch nicht völlig durchgebrochen iſt; es
war die Erkenntnis, daß, wie er H. Holland ſchrieb, „die ritterlich⸗
höfiſche Poeſie, die wir als Minneſang, als Blüte und höchſten
Ausdruck des 12. und 13. Fahrhunderts zu verehren gelehrt wur⸗
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