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6. Ausklang und Ende (1864— 86).
die im September in Karlsruhe ſtattfinden ſollte, abermals den
Ruf nach der Einigung Deutſchlands erhoben, indem er ſein
Hoch dem „Bau der Zukunft“ widmete:
„Architektur: des deutſchen Reichstags Hallen,
Ingenieurs: die Brücken übern Main!“
Aber der Weg, den die Geſchichte ging, war nicht der ſeiner
politiſchen Überzeugung, und wiederum ſah er nur verdroſſen dem
großen Ereignis zu. Wohl hielt er tapfer und entſchloſſen in Karls
ruhe aus, bereit, alles, was man damals fürchten konnte, auf ſich
zu nehmen. „Alles packt und wird ſich packen“, ſchrieb er nach der
Kriegserklärung an Anton v. Werner, „ich bin ſehr ruhigen Ge—
mütes, da ich den Krieg ſchon in der Nähe geſehen und meine
Pflichten kenne. Zu den vornehmen Leuten, die dem Unan—
genehmen durch Luftveränderung aus dem Wege gehen, will ich
nicht gehören, ſo habe ich mein Haus beſtellt und ſorge für Kind
und Bruder.“ Die Begeiſterung ſeiner Umgebung aber vermochte
er nicht zu teilen. „Diesmal iſt der Teufel über Nacht los ge—
worden“, heißt es im gleichen Briefe, „und wird ſobald nicht wie-
der zu ſeiner Großmutter heimgehauen werden.. Süddeutſch—
land muß auch mit ins Spiel, daß aber hier kein Enthuſiasmus
möglich iſt, da der alte Kamerad fehlt, der ſo oft die Franzoſen
am Rhein klopfen half, erklärt ſich.“ Auch nach den erſten Siegen
noch ſchrieb er: „Ich halte dieſen Krieg für ein Unglück, er mag
noch ſo glänzend geführt werden“; mit einer Lauheit, die uns
heute verletzen könnte, nahm er die Nachricht von Sedan auf, er
war geradezu ärgerlich über die Beflaggungen und Illuminatio-
nen. Das militäriſche Getriebe war ihm unangenehm: „Ich finde
mich ſchwer in die ſo gänzlich veränderte Zeit, wo es in Deutſch⸗
land nur noch Soldaten und Lazarettgehilfen gibt, und wir in
Deutſchland einer koloſſalen Militärmonarchie entgegengehen.“
Er konnte am 19. Februar 1871 an Emma Mackenrodt ſchreiben:
„Ich fühle mich trotz aller Erfolge eher in einer gedrückten als ge—
hobenen Stimmung. Fetzt ſind ſie ganz illuminationswütig und
werden vor den zurückkehrenden, Helden' alleruntertänigſt in Be-
wunderung erſterben.“ Wir verſtehen heute kaum mehr, daß ein
ſo kerndeutſcher Mann in Deutſchland damals derartiges zu äußern
vermochte. Mit der Hartnäckigkeit, die ihm im Blute lag, hielt er
an ſeinen großdeutſchen und liberalen Idealen von 1848 feſt.
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