Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-1
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (1)
[1919]
Seite: 69
(PDF, 92 MB)
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  (z. B.: IV, 145, xii)



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6. Ausklang und Ende (1864 — 86).

bezeichnet. Die Verwandtſchaft mit der romantiſchen Dichtung
blieb bei ihm in Waͤhrheit nach vieler Hinſicht eine äußerliche,
rein ſtoffliche. Was er hervorbringt, iſt, wenn ich den Ausdruck
wagen darf, eine ſäkulariſierte Romantik. Ihr fehlt das Nebel⸗
und Traumhafte, das Myſtiſche und Märchenhafte, das Duftige,
das für jene ſo bezeichnend iſt; wenn er mit äußerlich roman—

tiſchen Schöpfungen, einem „Erdmännlein“ oder „Waldgeiſt“

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aufzieht, bleibt er unglaubhaft, ironiſch und allegoriſch kühl, wo
ſein Zeitgenoſſe Schwind mit echterer Romantik naiv und über-
zeugend wirkt. Er ſchildert katholiſches Mittelalter ohne den Über⸗-
ſchwang von Novalis' „Europa“, Mönche ohne die Stimmungen
des „kunſtliebenden Kloſterbruders“. Seine Geſchichtsdarſtellung
iſt wiſſenſchaftlich nüchtern; ſie entbehrt der Monumentalität ſei⸗
nes Zeitgenoſſen Rethel in Form und Stoff — wie bezeichnend
ſchon, daß dieſer Karl den Großen ſchilderte, Scheffel Karl den
Dicken! —, aber auch des leeren Gepränges, des Theaterhaften in
Kaulbachs Geſchichtsbildern. Sie wirkt innerlich und überzeugend,
weil ſie die Geſchichte aufzeigt in ihrer Verbindung mit dem feſt
gegründeten dauernden Boden, aus dem ſie wuchs, der dauern—
den Menſchen- und Volksnatur, die ſie trug. Und Scheffels Dich-
tung hat — im Ergebnis zuſammenwirkend mit den gleichzeitigen
Werken Richard Wagners, ſo getrennt die Wege beider Künſtler
im übrigen gingen, — der Nation weſentlich und mehr als alle
Wiſſenſchaft geholfen, zu ihrer mittelalterlichen Vergangenheit
wieder ein lebendiges Verhältnis zu gewinnen und ihre geſamte
Geſchichte als eine Einheit zu empfinden, die durch die klaſſi—
ziſtiſche Richtung der Bildung unſeres Volkes ſeit dem 17. Fahr-
hundert ſo empfindlich geſtört war. In Scheffels Naturanlage
ſchon war es ſichtlich gegeben, daß er, mehr inſtinktiv als bewußt,
in ſeiner Rede, im Bau ſeiner Verſe altdeutſche Überlieferun—
gen lebendig fortſetzte. Er gehörte zu denen, die nach Richards
Wagners Wort „ſpezifiſch deutſch“ geboren ſind; er war un—
fähig, ſich an die Fremde, ſei es die Antike, ſei es die Romania,
zu verlieren. Er hatte eine treffliche Bildung in den klaſſiſchen
Sprachen ſich angeeignet und ſteht jeder klaſſiziſtiſchen Richtung
ſo völlig fern, daß er eben darin aufs ſchärfſte von Geibel ſich ab⸗
hebt, den er als Dichter und Menſchen hoch verehrte. Er kannte
und ſchätzte romaniſches Weſen und hatte Frankreich durchwan.
Scheffel. I1. 69*


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