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Einleitung des Herausgebers.
„Gaudeamus“: „Laßt uns fröhlich ſein!“ nannte Scheffel mit
dem Anfangsworte eines alten Studentenliedes in jedem Sinne
bezeichnend die Sammlung, mit der er im November 1867 hervor-
trat. Der Humor, der alle ihre Lieder durchleuchtet, iſt in der Tat
ihr erſter und eigentlich bezwingender Zug. Form und Inhalt
atmen ihn in gleicher Weiſe. Er greift gegenſtändlich weit um ſich,
Welt und Leben, Natur und Menſchheitsgeſchichte werden von
ihm gepackt, ihr Ernſt aufgelöſt, ihre Schwere vernichtet. Im ein-
zelnen bedingen begreiflich Zeitſtrömung und perſönliche Neigung
den Inhalt.
Die Naturwiſſenſchaften erleben um die Mitte des Fahr-
hunderts ihren gewaltigen Aufſchwung. Alexander von HZum-
boldts „Kosmos“, ſeit 1844 erſcheinend, faßt das bisherige Wiſſen
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um die phyſiſche Welt glänzend zuſammen; zahlreiche Forſcher
drängen von da ungeſtüm weiter. Humboldts Werk hatte den
Mineralogen und Dichter Franz von Kobell angeregt, „die Ur-
geſchichte der Erde“ dichteriſch ernſthaft darzuſtellen. Scheffel
reizt es zu ironiſcher Behandlung. Er ergreift die Welt der Geſteine
der vorweltlichen Tiere, die Geſtirne. Die lebloſen Geſteine zu
humoriſtiſcher Behandlung fähig zu machen, muß er ihnen erſt
durch Vermenſchlichung die notwendige Erhabenheit geben. Er
ſchließt ſie zu Staaten, zu Familien zuſammen: Granit und Por⸗
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phyr, die tapferen Ahnen des Baſalts, Molaſſe des Meeres zweit-
älteſtes Kind, Onkel Steinſalz, der Komet ein verlorener Sohn
aus altvulkaniſchem Hauſe. Er macht ſie zu Charakteren, die er in
knappſter Form, oft durch ein einziges Beiwort bezeichnet — die
tapferen Porphyre, der alte Granit, Grauwack, die züchtige Alte,
Iguanodon, der Lümmel ä, und gibt entſprechend auch ihrem Tun
und ihren Verhältniſſen eine ſittliche Deutung. Die Saurier ver⸗
ſinken wegen zuchtloſen Lebenswandels wie der Tatzelwurm, weil
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