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Naturwiſſenſchaftlich. 21
Man ſagt, wenn's dem Denker zu wohl iſt,
So wagt er ſich kecklich aufs Eis:
Mir winkten, wo's klüftig und hohl iſt,
Schneejungfraun, verführend und weiß.
Doch als ich mit Poltern und Lärmen
Abſtürzend aufs Firnfeld mich hub,
Verbüßt' ich mein jugendlich Schwärmen
Mit tauſendjährigem Schub.
Scharf wies mir der Gletſcher die Zähne:
„Hier, Springinsland, wirſt du poliert;
Und im Schutt meiner großen Moräne
Als Fremder talab transportiert.“
Geritzt und gekritzt und geſchoben
Entrollt' ich in ſpaltige Schluft,
Ward ſtoßweis nach oben gehoben,
Gewälzt und gepufft und geknufft.
Da bleib' einer ſauber und munter
In ſolchem Gerutſch und Geſchlamm;
... Ich kam immer tiefer herunter,
Bis der Eiswall ins Urmeer zerſchwamm.
Und der ſpielt die traurigſte Rolle,
Dem die Baſis mit Grundeis ergeht...
Ich wurde auf treibender Scholle
In des Ozeans Brandung verweht.
Plimp, plump! Da ging ich zugrunde,
Lag elend verſunken und ſchlief,
Bis in ſpät erſt erlöſender Stunde
Sich Gletſcher und Sündflut verlief.
Den entwäſſerten Seegrund verklärte
Die Sonne mit wärmerem Strahl,
Und mit der Rhinozerosherde
Spazierte der Mammut durchs Tal.
Nun lagern wir Eiszeitſchubiſten
Nutzbringend als ſteinerne Saat
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