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62 Gaudeamus!
Zum Könige Gambrinus
Sprach einſt ſchon Sankt Martinus:
„Die Welt, edler Herr, iſt nicht viel nütz,
Doch trefflich ſchmeckt zu Bier wie Wein ein Pfaffenſchnitz.“
Der eilfte Novembris war der Tag,
Allwo er dieſes Wort mit Nachdruck ſprach;
Drum braten brave Leute
Die Martinsgans noch heute,
Ich armer Vogel, iſt das mein Lohn,
Daß man mich tot verzehret auf Subſkription?
Wie anders war's, da auf der Weid
Als Gänſulein ich prangte im Flügelkleid?!
Auf einem Fuße ſtehend
Und Aug' und Schnabel drehend
Zum Liebſten, der juſt über den Rhein
In männlicher Reife als Gänſerich kam heim.
O hätt' ich nie gemußt in die Stadt,
Wo niemals eine Köchin eine Bildung hat!
Sie lachte ſehr gemeine
Und preßt' mich an die Beine
Und ſprach: „Ob's dich auch drückt und verkropft,
Mit Welſchkorn wirſt du jetzt vollgeſtopft!“
So werd' ich ſchon bei lebender Zeit
Zu Braten und Paſteten vorbereit't;
Mein Geiſt geht ſehr zurücke,
Die Leber nur wird dicke;
Sie fragen nicht mehr: „Iſt ſchön ihr Geſicht?“
Sie fragen allein: „Wie fällt ſie ins Gewicht?“
Iſt das der Dank, daß unſere Schar
Der Hauptſtadt der Welt Erretterin einſt war?
Von wegen Weinverkoſten
Schlief alles auf den Poſten,
Ohn'’ unſer tapfer Schnattern und Schrei'n
„Fätt' Rom ſchon anno Tubak franzöſiſch müſſen ſein'.
1 Rom war ſeit 1849 von franzöſiſchen Truppen beſetzt.
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