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68 Gaudeamus!
Das große Faß zu Heidelberg
der XXIV. Berſammlung deutſcher Philologen und Schulmänner zum
27. September 1865.
Tiſchlied beim Feſtmahl im Bankettſaal des Schloſſes.
Glück auf! ein guter Genius
Kommt heut zum Schloß gezogen,
Kollegialiſch dröhnt mein Gruß
Euch deutſchen Philologen:
Denn ihr durchforſcht mit Blick und Glück
Die Vorzeit Schicht' um Schichte,
Und ich, durchmorſcht, bin ſelbſt ein Stück
Kultur und Spraͤchgeſchichte.
Agypten hat die Mumien gut,
Den Geiſt ſchlimm aufgehoben
Und ſog des Palmſafts heil'ge Flut
Aus dicken Nilkanoben“.
Auch dem Aſſyrer fiel's nicht ein,
Getränk zu überwintern,
Verſchimmelt ſtand ſein Dattelwein
In Keilſchrifttonzylindern.
Der Stoff des weiſen Salomo*?n
Kam nie zu feinem Hauche,
Denn ſein Bukett blieb immer roh
Im dunkeln Geißbockſchlauche.
Erſt als Phöniker Sand zu Glas
Umſchmolzen in den Aſchen,
Sah Iſrael.... zwar noch kein Faß,
Doch ſchon pitſchierte Flaſchen.
Europa, ſumpfig, feucht und leer,
Ließ wild die Rebe treiben,
* Abbildung eines ſolchen mit Sieroglyphen überſäeten, enghal-
ſigen und dickbauchigen Krugungeheuers, deſſen menſchlich geformter
Kopf eine der altägyptiſchen großen Naturgottheiten darſtellte, ſiehe
bei Minkwitz, Illuſtriertes Taſchenwörterbuch der Mythologie, Leip—
zig 1853, s. v. Canobus, p. 151. — ** „Baalhamoner.“ Salomo
hatte einen Weinberg zu Baal-Hamon. Hohes Lied 8, 11. Auch der
aus den Weingärten zu Engeddi gewonnene Stoff erſchien preiswür⸗-
dig. Hohes Lied 1, 14.
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