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Aus dem Weiteren. 111
„Der hohe Stoffeln winkt's vertraut
Dem hohen Hewen zu,
Durch Wald und Flur erklingt es laut:
‚Mein Hegau, ſchön biſt du!““
So ſingt ein Sänger, weit bekannt,
In ſüßer Melodei,
Die Zither ſchwebt am grünen Band
Um ſeine Schultern frei.
Das Band hat liebe Hand geſtickt
An wildem Schwarzwaldhang,
Als er, den Bart mit Eis durchſpickt,
Dort Schuberts Lieder ſang.
Die Stimme, die ſolch Ständchen bracht
Einſt bei der Schlücht Gebraus',
Drang ſeit der kalten Winternacht
Weit in die Welt hinaus.
Sie klang, wo frommes Volk ſich ſchart
Im Dom zu Gottes Ehr',
Und wo auf heitrer Sängerfahrt
Von Wein die Becher ſchwer.
Nun ſind die Locken ſchier ergraut:
Heut zählt man fünfzig Fahr',
Daß er zum erſtenmal ward laut,
Zur Freud' dem Elternpaar.
Doch geht der Schritt noch frank und leicht;
Glückauf zum Fubeltag!
Das grüne Band iſt nicht erbleicht,
Er ſingt wie Lerchenſchlag:
Stirnme begabt, das alemanniſche Land als fahrender Sänger. Nach ſeiner
Verheiratung als Amtsrevident in Moosbach a. Neckar ſeßhaft geworden, 1870
nach Engen (nahe dem Hohentwiel) verſetzt, trat er häufig als Sänger in
kirchlichen und weltlichen Konzerten wie in befreundeten Kreiſen hervor. Er
war als „Konſervator der Altertümer des Bezirks Engen“ zuerſt mit Scheffel
bekannt geworden, mit dem ihn bald eine herzliche Freundſchaft verband.
Scheffel widmete ihm das obige Lied zu ſeinem 50. Geburtstag, den 4. De⸗
zember 1882. — 1 Die Schlücht durchbrauſt ein enges Felſental im ſüdlichen
Schwarzwald. Stokker hatte einſt der Wirtstochter in der „Schlüchtherberge“
in einer kalten Winternacht ein Ständchen dargebracht, was ihm. zugleich die
Hand der alſo Geehrten und — eine Polizeiſtrafe eintrug.
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