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114 Gaudeamus!
Der Frömmſte von der frommen Herde 5
War Bruder Rippold, der Vielgelehrte. G .
Der ſaß und ſaß in ſeiner Zell'
Und rührte ſich nicht von der Stell',
VWollt' alles wiſſen, was Heilige Schrift
Und Gott und die Welt und die Menſchheit betrifft. 10
Oft ſaß er noch beim Lampenſchein
Des Nachts auf harter Holzbank allein
Und legt' die Bücher nicht aus der Hand,
Bis bleiern der Schlaf ihn übermannt.
Allein, ſo wie es oftmals ergeht, 18
Zu vieles Brüten den Menſchen verdreht,
Sein Blick ward träg, ſein Kopf ward ſchwer,
Als wenn ein Brett dran genagelt wär',
Und in einſamen Stunden, ſtatt ſich zu erfreun,
Bildet' er die törichtſten Sachen ſich ein. 20
Wenn er 'mal tüchtig nieſen mußt',
Glaubt er, es fehl' ihm auf der Bruſt;
Verſetzt' ihm einer einen Naſenſtieber,
Vermeint' er, es gäbe das Nervenfieber,
Und hatt' eine Mück' ſich aufs Haupt ihm geſetzt, 25
Gedacht' er ſich ſchon zum Tode verletzt.
So ſchuf er mit Mißtraun und Krittlichkeit
Dem ganzen Kloſter Verdrießlichkeit,
Bis endlich der Abt am Verſammlungstag
Mit gerunzelter Stirne ſolches ſprach: L 30
„Wohl weiß ich, es hat jeder Menſch in dem Stillen
Seine eigenen Mücken und Käfer und Grillen,
Doch wie Ihr's treibt, Herr Rippold, ſo iſt's nicht er—
laubt,
Ihr habt wahrhaftig Hornſchröder im Haupt!
In der Einöde drauß mögt Ihr gehen ſpazieren 35
Und mit fixen Ideen den Wald ennuieren,
Aber unſer Konvent iſt kein Narrenhaus,
Ihr müßt noch heut aus dem Kloſter hinaus!“
Da faßten die Brüder Herrn Rippold ſchnelle
Und ſetzten ihn jäh vor die Gotteshausſchwelle, 40
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