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. 11 6 Gaudeamus!
Doch in dieſen geſegneten Talesgründen
Iſt nimmer und nimmer der Tod zu finden,
Und wie er ſo lag und zu ſterben gedachte,
Erbebte der Boden und wankte und krachte; 80
Feucht weht' es ihn an — er vernahm mit Erſtaunen
Ein unterirdiſches Rauſchen und Raunen,
Wie Sprudeln von Quellen ſchlug's an ſein Ohr,
Rick — rack — und wrumm! Da hob's ihn empor.
Ein mächtiger Waſſerſtrahl mit Gebraus 85
Warf jählings Herrn Rippold zum Grabe hinaus,
So hoch wie der nächſte Tannenbaum
Flog fliegend er auf in den leeren Raum,
So daß, als er glücklich herab war gekommen,
Er wirklich ein tüchtiges Sturzbad genommen. oo
Da ſtand er und ſchüttelte dreimal ſich,
Und beſchaute ſich ſelber verwunderlich;
Ein neues Leben durchzuckte die Glieder,
Als kehre die Kraft und die Fugend ihm wieder.
Den Quell ſah er ſprudelnd blinken und winken, 95
Er wußt' nicht warum, er mußt' davon trinken.
Er ſchöpfte mit hohler Hand ſich die Flut,
O Wunder! das ſchmeckte ſo fremd und ſo gut,
Von ſchäumenden Perlen durchwallt und durchziſcht,
Als hätte ein Berggeiſt den Trank ihm gemiſcht. 100
Und ſchnalzend ſprach er: „Wie wird mir — o Schauer,
Das ſprudelt ja ſalzig und kohlenſauer!
Dringt ſtärkend und löſend durch Mark und Gebein
Wie niemals der feurigſte Edelwein!
Du gütiger Himmel, hab' Dank für die Spende, os
Nun geht meine Trübſal und Krankheit zu Ende,
An dieſem Heilbrunn, ſtatt Grab und Tod
Erglänzt mir ein neues Morgenrot!“
Herr Rippold dachte ans Sterben nicht mehr,
Er ſchleppt' einen Steinkrug zur Quelle her 110
Und trank und trank ohne Unterlaß
Schon am erſten Tag über ſieben Maß.
Kaum hob ſich des andern Tages die Sonne,
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