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118 Gaudeamus!
Sie hütet' am Saum vom Tannenwalde
Die Herde auf grüner Bergeshalde,
Trank die würzige Bergluft in vollen Zügen
Und ſpielte mit ihren Lämmern und Ziegen.
Nun fügte ſich's einmal von ungefähr, 155
Daß Herr Rippold jagend den Wald kam daher,
Und wiederum, was ſonſt ihn ſo ſchreckte,
Er von ferne den Strohhut der Hirtin entdeckte.
Doch heute erſchien er durchaus nicht verdroſſen,
Am Waldſaume ſtand er wie feſtgegoſſen 160
Und dachte: „O ſeltſamer Wechſel der Zeit! —
Sonſt floh ich meilen- und meilenweit,
JFetzt mag ich durchaus nicht mehr von der Stelle;
Iſt dies vielleicht auch eine Wirkung der Quelle?“
Drauf faßt' er einen tapfern Entſchluß 165
Und bewegte zur Jungfrau hinab ſeinen Fuß
Und ſprach, doch nicht ohne innere Sorgen
Und bedeutend verzagt: „Recht guten Morgen!“
„Schön Dank!“ gab ihm die Hirtin zurück,
Dann warf er auf ſie einen ſeltſamen Blick 170
Und ſchwieg. Eine längere Pauſe entſtand,
Bis daß Herr Rippold ſich wieder ermannt
Und mit tapferm Herzen zum zweiten ſprach:
„Es ſcheint mir heut ein ſehr ſchöner Tag.“
Dann aber, als wäre zu viel ſchon geſchehn, 175⁵
Verſchwand er, ohne ſich umzuſehn.
Doch item und item — wer weiß, wie's geſchah! —
Des andern Tags ſtand er wiederum da,
Und wären die Tannen nicht ſtill und diskret,
So wüßt' man auch, was ſie noch weiter gered't; 180
Doch jedenfalls blieb es bei ſtiller Verehrung
Und kam zu keiner nähern Erklärung.
Da begab ſich, daß nach etlicher Friſt
Am gewohnten Platze die Maid ward-vermißt.
Sie lag zu Haus ſchier gefährlich krank. 185⁵
Herr Rippold ſprach: „Gott Lob und Dank!
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