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Aus dem Weiteren. 121
Da begab ſich's im dreiundvierziger Fahr,
Daß Herr JFohann Petzold Baßgeiger war,
Der hing eines Abends im Monat Auguſt
Seine Geig' auf den Rücken mit großer Luſt,
Und ſtieg auf die Holzwälder Höhe empor,
Um unbelauſcht von der Badgäſte Ohr
Ein neues Adagio einzuſtudieren,
Womit er am Sonntag wollt' exzellieren.
Denn für des Brummbaſſes dröhnend Walten
Iſt's beſſer, einſame Proben zu halten;
Die Baßgeige lieben viele Perſonen,
Mögen doch nicht neben dem Baßgeiger wohnen.
Drum kam Herr Petzold mit Cello und Bogen
Hinauf in den luftigen Tannwald gezogen,
Und ſchaute weit in die Lande hinein
Bis zum Straßburger Münſter am glitzernden Rhein,
Er ſuchte ein ſchattiges Plätzlein im Mooſe
Bei Farrnkraut und duftiger Weidenroſe;
Hell klang in die Waldesſtille und froh
Sein funkelneues Adagio.
Doch wie's ſo recht voll in den Saiten rauſchte,
Da ſpitzt' er auf einmal die Ohren und lauſchte;
„Zum Teufel, was hör' ich, was hat ſich gerührt?
Ich werd' aus der Ferne akkompagniert!
Trom trom! trom trom! trari, trara!
Nun hilf uns, heilige Cäcilia!“
Herr Petzold hatte in früheren Tagen
Bei Pappenheims Reitern die Pauke geſchlagen;
Seit der Lützner Affäre kannt' er den Ton:
„So trommt und trompetet der Torſtenſon!
Trom trom! trom trom! trari, trara!
O heil'ge Cäcilie, der Schwed' iſt da!“
Herr Petzold hat keine Silb' mehr geſprochen;
Aufſprang er, wie von der Tarantel geſtochen,
Und ſchultert die Baßgeig' und ſah nicht mehr um,
Vergaß ſelbſt ſein gelb Kolophonium,
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