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Aus dem Weiteren. 123
Drum zu den Gäſten mit klagender Miene
Sprach entſchuldigend die erſte Violine:
„Wir ſind ruiniert, ein verſtimmter Akkord:
Die Baßgeig' mitſamt dem Petzold iſt fort!“
Da wurde viel geſchwatzt und geſprochen,
Ob Freund Petzold wohl ſeinen Hals gebrochen,
Oder ob, als leichtfertiger Muſikant
Er ohne Abſchied von dannen gerannt;
Die Menſchheit iſt ſtets geneigt zum Böſen,
Man machte viel boshafte Hypotheſen:
Er hab', als Verliebter, im Schatten der Nacht
Einer Wälderin ein Baßgeigenſtändchen gebracht,
Oder liege, von ſüßem Weine trunken,
Wohl in jammervolle Träume verſunken.
Nur der Flötiſt ſprach mit edlem Mut:
„Der Petzold iſt klug und weiß, was er tut!“
Und wieder nahte die Mittagsſtunde
Und ſaßen die Gäſte in fröhlicher Runde,
Die Schüſſeln dampften — nur auf der Tribüne
Dacht' die Muſik mit betrübter Miene:
„Bald kommt der Braten, o ſchlimmes Signal,
Heut ſpielen wir nur zu unſerer Qual,
Wir ſind ruiniert, ein verſtimmter Akkord,
Die Baßgeig' mitſamt dem Petzold iſt fort!“
Der Braten kam, ſchon ſchwirrten die Geigen,
Da flog durch den Saal ein bedeutungsvoll Schweigen,
Die Fenſter klirren — o bittres Deſſert!
Ein Kanonenſchuß vom Kniebis her!
Noch einer — piff, paff! — 's iſt nimmer geheuer,
O Gott, Geſchütz- und Musketenfeuer!
Und zwiſchen hinein: trom trom, trara!
Behüt' uns Gott vor der Muſika!
Wie wenn der Blitz in ein Taubenhaus ſchlägt,
Schwirrt alles verſtört und bewegt und erregt ..
Dort fällt ein Stuhl — hier zerbricht ein Teller,
Dort verſchüttet einer den Muskateller,
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