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124 Gaudeamus!
Die Damen ſchluchzen, die Kinder ſchrei'n, — 135
Der taucht ſein Biskuit in Senftopf ein —
Der fordert die Rechnung — der Roſſe — der
Wagen —
Der denkt: jetzt hat meine Stunde geſchlagen
Und ſpricht zur lockigen Nachbarin:
„Ich lieb' Euch! laßt uns zuſammen fliehn!“ 140
Der ruft zum Wirt: „Ade, ſeid geduldig!
Für diesmal bleib' ich die Zeche ſchuldig!“
Der zupft ihn am Ärmel — der tritt ihm den Fuß:
„Ein Königreich für einen Omnibus!
Auf, auf! helft, helft! ſchon hört man ganz nah 145
Trom trom, trom trom, — trari, trara!“
O Rippoldsau, du ſtilles Tal,
Wie warſt du verwandelt mit einem Mal,
Seit der Sündflut hat, in verworrener Flucht,
Keine Geſellſchaft ſo das Weite geſucht. 150
Hier trug ein Herr auf erhobenem Arm
Eine ohnmächtige Dame durch den Schwarm,
Hier galoppte ein Reiter die Straße hinab,
Dort entfernte ein Hausknecht zu Fuß ſich im Trab.
Ja, ein verſpäteter Unglücksſohn 165
Ritt auf dem Haushund Sultan davon.
Eine halbe Stunde — und ſtill und ſtumm
Lag Badhaus und Quelle und alles ringsum,
Nur auf der Galerie der Muſik
Blieb ein einzig menſchliches Weſen zurück. 160
Es war der Flötiſt, er ſtieg fröhlich und munter
In den menſchenverlaſſenen Saal herunter
Und ſprach: „Wozu das unnütze Rennen!
's iſt Zeit genug noch, um durchzubrennen,
Doch ein Laufen mit Durſt und mit leerem Magen ies
Das kann kein Flötenſpieler vertragen.“
Er ſetzte ſich an den verlaſſenen Tiſch
Und tat ſich noch gütlich mit Braten und Fiſch,
An Biskuit und Mandeln, am ganzen Deſſert,
Als ob kein Schwed' in der Nähe wär'... 10
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