http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke1/0211
1 38 Bergpſalmen.
Regensburg (geſt. 994), der einmal in der Wirrnis bürgerlichen
Krieges zwiſchen Bayern und dem Kaiſer ſich genötigt ſah, in
dem Alpengebiet des Kloſters Mondſee ein Aſyl zu ſuchen und
dort jahrelang als Einſiedler ſich feſtſetzte. Der Wolfgangſee und
der Marktflecken Sankt Wolfgang bewahren in ihren Namen die
Erinnerung an den merkwürdigen Heiligen, der — nebenbei auch
Dichter und — wie ich aus der pittoresken Anlage ſeiner Einſiedelei
in den Wildſchluchten des Falkenſteines, zwiſchen den ungeheuren
Abhängen des Schaafberges und dem melancholiſch einſamen, der
Tannen grünes Dunkel widerſpiegelnden Aberſee entnahm, ein
Mann von wildromantiſchem Landſchaftsſinn war.“
Aus dieſen geſchichtlichen Erinnerungen zuſammen mit den
Eindrücken der ſo gewaltigen als lieblichen Berg- und Seeland-
ſchaft entkeimte unſere Dichtung auf dem Boden eines gerade in
dieſem Jahre wieder in der Tiefe erſchütterten Gemütes.
Die geſchichtlichen Beſtandteile gaben der Dichtung ihren epi⸗
ſchen Gehalt. Er bleibt freilich dürftig genug und liefert kaum
mehr als die geſchichtliche Beſtimmung für den Träger jener
weſentlich lyriſchen Erlebniſſe, die den eigentlichen Inhalt der
Geſänge ausmachen.
Wenige, durch ihre metriſche Form und Stimmung ganz außer⸗
halb der eigentlichen Dichtung geſtellte Eingangsverſe unterrichten
über die Vorausſetzungen, die damit recht eigentlich als eine
„epiſche Fiktion“ erſcheinen: vor 900 Jahren hat ein Biſchof von
Regensburg — nicht einmal ſein Name wird uns genannt — aus
Kaiſerfehde und Fürſtenſtreit ſich in die Einſamkeit des Aberſees
zurückgezogen. Wir entnehmen weiteren Andeutungen in den
Geſängen ſelbſt, daß er in der weltfernen Abgeſchiedenheit der
Falkenſchlucht ſich mit wenigen Genoſſen ein Blockhaus gezimmert;
von dort aus fährt er über den grünen See und durchſtreift das ein⸗
ſame Bergland, bis der einfallende Winter ihn zwingt, zu Tal zu
fahren. Einige Andeutungen über eine glänzende Vergangenheit
in der Welt, einen Aufenthalt „als Gaſt im heidniſchen Königs-
hauſe“, ein ſelig unſeliges Verhältnis zu einer ſtolzen Frau bleiben,
wie ſie aus dem Nebel auftauchen, für den Leſer nebelhaft und
ungreifbar.
Den Hauptinhalt der Dichtung gibt die Schilderung der Land-
ſchaft, ihrer vielfältigen Geſtaltung in See und Berg, in grünen
15⁵
35
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke1/0211