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Einleitung des Herausgebers. 139
Matten und Eiswüſten der höchſten Gipfel, ihrer wechſelnden Er⸗
ſcheinung im Sturm und Nebel und einer darauf zwiefach heiteren
und erquickenden Sonne, im Wechſel der Jahreszeiten endlich vom
Maienglanz bis zum einfallenden Winter. Aber freilich ſind es
nicht einfache Beſchreibungen der Landſchaft, was der Dichter uns
bietet; ihre Beziehung zu dem weltflüchtigen Helden der Dichtung
vielmehr, ihre Einwirkung auf ein von der Welt verwundetes Herz,
ein von Erinnerungen durchtränktes Gemüt iſt ſein eigentlicher
Vorwurf. Im weſentlichen iſt es die Landſchaft des Aberſees, die
uns entgegentritt, wie ſie den Dichter in glücklichen Maientagen
tröſtend umfing. Und ſie erſcheint ganz in jener wirklichkeitsfrohen
Art feſtgehalten, die unſerem Dichter durchweg eignet; alle die
Bergſpitzen, die in den Geſängen auftauchen, Falkenſtein und
Sperber, Rettenkogl, Bleechwand und Thorſtein, ſie umragen
wirklich näher oder ferner den Wolfgangſee. Nur miſchen ſich mit
den landſchaftlichen Eindrücken aus dem Salzkammergute An—
ſchauungen und Erinnerungen aus dem Berner Oberlande und
vom Vierwaldſtätter See, die den Dichter im gleichen Jahre be—
wegten. Nachdem er den Sommer, „in ſeine Speicherburg ver-
ſchanzt“, fleißig die Nibelungenſtudien vertieft, floh er im Herbſte
abermals in die Berge. Er nahm Aufenthalt auf dem von den
Bergfahrern längſt ſchon geräumten Faulhorn, bis „gefrorene
Fenſter, Schnee durchs Dach träufelnd und nächtliches Sturm⸗
geheul“ ihn talwärts trieben. „Auf der Wengernalp lauſchte
ich dann etliche Zeit den Eiswundern der FJungfrau dem
Spiel der aus der Schneeverdunſtung aufſteigenden, unſäglich
zarten Wölklein um die ſilbern blitzenden Firne — dem mit Don—-
nerkrach durch die Klüfte ſtürzenden Sprühen der Lawinen — der
weiten Majeſtät der Gletſcherfelder...“ Wir erkennen leicht, wie
dieſe Erfahrungen und Bilder von unſerem Dichter für die „Berg⸗
pſalmen“, vorzüglich die beiden letzten Geſänge genutzt wurden.
Am Grindelwaldgletſcher, wo eine wunderſame Grotte weit ins
Eis getrieben iſt, wurden für die „Gletſcherfahrt“ wichtige Stu—
dien gemacht und unmittelbar am Orte niedergeſchrieben. Ins
Berner Oberland führt auch die Erwähnung des Alphorns, und
ſichtlich iſt auch der Auszug der Ziegenſchar bei der Talfahrt dem
Schweizer Kuhreigen nachgebildet.
In Selisberg hatte der Dichter wieder in traulicher Einſamkeit
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