Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-1
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (1)
[1919]
Seite: 140
(PDF, 92 MB)
Bibliographische Information
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke1/0213
140 Bergpſalmen.

ſich eingerichtet. Hier, wo vor ſeinen Fenſtern die ganze Pracht
des Hochgebirges „in täglich und nächtlich neuem Reiz von Licht,
Farbe, Gewölk, Mondſchein, funkelndem Sternhimmel“ ſich ent-
faltete, hier in der „Fülle von einfacher großer Pracht, in der das
Herz, den Sorgen des Weltlebens entrückt, fromm ſich beſtimmt
fühlt und Beſſeres nicht begehrt“, wurden die „Bergpſalmen“
vollendet.
Ihren tiefſten Gehalt aber empfingen die Geſänge doch aus
dem Herzen des Dichters. Denn er ſelbſt iſt der weltflüchtige,
weltverwundete Mann, das „landfahrige Herz in Stürmen ge—-
prüft, im Weltkampf erhärtet und oftmals doch zerknittert von
ſchämigem Kleinmut“. Er ſelbſt war es, der Ruhe und Obdach in
der Einſamkeit des Gebirges gefunden, der dort zu geſunden, dort
die ehrlich empfangenen Wunden auszuheilen hoffte in friedſamer
Stille. Hatte doch zu Beginn des Jahres die vergebliche Werbung
um JZulie Artaria ſein Gleichgewicht noch einmal aufs ſchwerſte
erſchüttert. Und längſt war es ihm immer wieder leidenſchaftliches
Bedürfnis, „menſchengelärmlos“ allein zu ſein in freier Natur,
und ward dabei doch immer wieder zerwühlt von gerechtem Zwei⸗-
fel, ob er als Menſch und Künſtler gut daran tue, ſich ſolcher Ver—
einſamung zu ergeben, ob ſeine Seele nicht allzulang ſchon „ni⸗
ſtend in finſtern Klüften“ ſchließlich fremd werde des Lebens mild
wärmendem Licht, ob er nicht trotz allem zurückwenden müſſe in
die Welt, die „der Starke beherrſcht mit des Geiſtes Macht und die
nur der Schwache verachtet“. Und er ſelbſt war es, dem immer
wieder das übermüdete, überſpannte und ſchon kranke Hirn jene
Nebelgeſichte ängſtigten, die den Falkenſchluchtklausner drohend
überfallen, dem ſie die „angſtgeſchüttelte“ Seele bedrängten, daß
er kaum ſich mehr zu retten wußte. Noch am Schluſſe dieſes Jahres
ſollte er in ſchwerſter Erkrankung des Gehirnes zuſammenbrechen.
Die „Bergpſalmen“ ſind unter den bedeutenderen Dichtungen
Scheffels vielleicht die wenigſt bekannte, und die Stellung der
Kritik iſt ihnen gegenüber merkwürdig unſicher. Gewiß hat der
Dichter, literargeſchichtlich betrachtet, weſentliche Anregungen für
dieſe Schöpfung von Heines beiden Gedichtzyklen „Die Nordſee“
empfangen. Die metriſche Form der freien Rhythmen, der häufige
Stabreim, die vielfache Wiederholung von Wörtern und Wort⸗-
ſtämmen, die gehäuften Beiwörter, die zahlreichen Vortzuſammen-

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