Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-1
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (1)
[1919]
Seite: 141
(PDF, 92 MB)
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Einleitung des Herausgebers. 141

ſetzungen und kühnen Neubildungen teilt Scheffels Dichtung mit
Geine ebenſo wie den weſentlichen Inhalt: das Ineinanderſchlingen
einer großen Natur mit den Wallungen eines großen Herzens.
Man könnte ſagen, daß in einem Gedichte wie dem „Neergruß“
in Heines zweitem Zyklus der dichteriſche Grundgedanke der
„Bergpfalmen“ überhaupt vorgebildet ſei, und ſelbſt ein einzel
nes Motiv kehrt gelegentlich wieder wie der „Geſang der Okea—
niden“ in dem Geſang der Eisfrauen in der Gletſchergrotte. Und
doch kann von einer ſklaviſchen Abhängigkeit Scheffels von dieſem
Vorbilde nicht die Rede ſein. Wie wenig die „Bergpſalmen“
lediglich einer äußeren literariſchen Anregung ihr Daſein danken,
iſt aus dem, was ſoeben über den Zuſammenhang dieſer Dichtung
mit den tiefſten und perſönlichſten Erlebniſſen Scheffels geſagt
wurde, deutlich geworden. Die Dichtung bleibt aber auch in ihrer
äußeren und inneren Form ſein eigen. Schon das Ethos der Verſe
iſt bei aller äußeren Verwandtſchaft ein weſentlich anderes als bei
Heine, entſprechend der viel leidenſchaftlicheren, ernſteren und
feierlicheren Haltung von Scheffels Dichtung, die ihr eigentlichſtes
und innerlichſtes Vorbild nicht in Heine, ſondern in den Pſalmen
Davids ſich geſucht hat. Wie in den Liedern des jüdiſchen Sänger-
königs rauſcht es in dieſen Verſen, die, wie Orgelklang, bald mäch⸗
tig und erſchütternd aufbrauſen und dann wieder lieblich und lind
ſchmeichelnd dahinfließen; aus den eingeſprengten Reimen klingt
es wie halbverwehtes Glockengeläute dazwiſchen. Die Sprache
dieſer Dichtung zeigt alle Eigentümlichkeiten Scheffelſcher Rede—
weiſe aufs höchſte geſteigert. Nicht überall iſt es dem Dichter dabei
gelungen, wirkſame und berechtigte Eigenart vor der Erſtarrung
und Überſteigerung zur Manier zu behüten, wenn etwa unter den
zahlreichen hauptwörtlichen Zuſammenſetzungen ſich Bildungen
wie „Moosverſchließung“, „Körperumpuppung“, „Eisfeldbefah⸗
rung“ und ähnliches oder unter Beiwörtern ſchwerfällige Parti⸗
zipialbildungen wie „pſalterzuklappend“, „felswandentträufend“
und dergleichen finden. Im ganzen wirkt in den Verſen doch
eine bewunderungswürdige Gewalt über die Sprache, der in Zu—
ſammenſetzungen und Neubildungen vieles höchſt Eigenartige und
Eindrucksvolle gelingt, eine Sprache, die gerade mit ihren viel⸗
fach zuſammengeſetzten Beiwörtern in höchſtem Maße jene ſcharfe
Beobachtung, jene Kraft und Verdichtung zeigt, die dem Aus—


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