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Sturm. Nebel. 147
Daß die Schiffe von jäh ſich aufkräuſenden Wellen
Brandend zerworfen in Splitter zerſchellen.
Heimſuchung komm' über Hütte und Haus!
Heimſuchung komm' über Burgen und Feſten!
In Wolken lagernd erſchau' ich der Wälle
Umerkerte Türme, Trunkenen gleich,
Sich wiegen, ſich biegen
Und endlich mit dumpfem, ſterbſeufzendem Krach
Hinſinken in trockenen Graben.
Dicht hebt ſich um die Geborſtenen dann
Wie aus jäh aufplatzendem Hexenſchwamm
Erſtickend Gewölk
Von Trümmergeſtäub,
Von Mehl, das der Wurm im Gebälke ernagt,
Von morſchendem Moder und Schwaden.
In die Lüfte zerſtieben ſeh' ich den Qualm,
Seh' alles erbeben, zerbrechen und fallen
Und gräme mich nicht!
Die Lande durchſchütternd ſchwing' ich mich weiter,
Starkfröhlich und heiter,
Ich, der Herr!“
3.
Nebel.
Herr, meine Seele ſchwebt in Bangnis,
Nachtgrauen umfängt ſie;
In finſteren Klüften ſchier allzulang' niſtend,
Ward ſie des Lebens mildwärmendem Licht
Nahezu fremd.
Herr, ſchirme mich!
Umtrübt von der Einſamkeit freſſendem Roſt
Ruf' ich zu dir um Stärkung und Troſt,
Denn furchtſam zur Höhle ſich bergend Verzagen
Ziert nimmer den Mann,
Der dir zu dienen Gelöbnis getan.
Was heiſcht ihr von mir,
Die ihr geſpenſtig dem Seegrund entſtiegt
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