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154 Bergpſalmen.
Samt Praga, der moldauumrauſchten Stadt,
Und dem Wuyſſehrad',
Was frommte es viel?
Schreit' ich hier nicht in des Allmächtigen Schirm,
Ein König, ein hoher Prieſter zugleich, 80
Durch des Uferwalds nächtiges Dunkel?
Trink' ich hier nicht in vollerem, reinerem Zug
Der Sonne Goldſtrahl, des Himmels Blau,
Der Tannen balſamiſchen Harzduft?
Und wächſt die Seele nicht mächtig heran? 85
Fühl' ich nicht, wie im einſamen Zwieſpruch mit Gott
Sie täglich erſtarkt,
Wie ſie in des werdenden Schmetterlings Weiſe
Mit Flügelzucken, ahnend und leiſe,
An die Wände der Körperumpuppung rührt, 90
Fragend: „Heia, wann ſchweb' ich empor,
Ein verjüngt Geſchöpf,
Empor in den Äther, entgegen dem Licht
Frei und rein?“ —
Langſam jetzt! 05
Schon rudr' ich zu Füßen dem Falkenſtein,
Der mit breiter, mit felsgewaltiger Stirn
Herniederſchaut, beängſtigend ſchier.
Ein winzig Inſekt, ein Pünktlein im See
Beſchwimm' ich die Flut; 100
Zu Häupten dräut ungeheuere Wucht
Der ſteilen Schlucht.
O verplaudere nichts,
Verrate nicht, ſeeumſpült pfadloſe Wand,
Daß droben im Rücken dir, keinem bekannt, 105
In heimlichen Spalten,
Wo Alpengras würziger Bergeshalden
Die Ziegen ernährt, eine Klauſe ſteht.
Verrate nicht, wer ſie behorſtet. G
Sing deinen Lobſang, Falkenſchluchtklausner, 110
1 Die befeſtigte Höhe über der Moldau am Südende Prags, die angeb-
liche Burg Libuſſas.
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