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Gletſcherfahrt. 159
Beflog mir die Seele ein ſeltſames Sinnen,
Das Auge verlor ſich in bläulichem Glanz.
Mir ward, als ſchwebten in wallendem Tanz
Geſtalten, kaum ſichtbar, ſpaltauf und ſpaltnieder,
Eisjungfrau'n. Ich vernahm ihre Lieder:
„Wir ſind die alten, die kalten, die bleichen,
Hauſen in ſtummen, kriſtallenen Reichen,
Komm und erlöſ' uns, Muſpilli'.
Urzeitnotwendigkeit hat's einſt geordnet,
Daß wir mit des Eiſes erhaltender Kraft
Am Wachstum der werdenden Erde geſchafft,
Auf daß für der Zukunft kampfliche Werke
Im Harniſch ſchlummernd die Kräfte ſie ſtärke.
„Gebrochen iſt längſt unſre Macht, unſer Recht,
Ein entthrontes, nicht mehr gekanntes Geſchlecht
Sind wir, die einſt auch die Flächen beherrſcht,
Herauf in die Wildnis geflüchtet.
Hier wirken und ſpielen die letzten von uns
In ſchwer zugänglicher Höhen Aſyl
Ihr uralt eisbildend Tagwerk und Spiel,
Auf daß ein weniges bleibe als Mal,
Als Zeugnis und Gleichnis entſchmolzener Zeit.
„Erkenne, o Menſch,
Der du, verflogenem Schrathuhn gleich,
Zu uns dich verirrt:
Daß euer Geſchlecht gedeihe heran,
Hat das unſere einſt ſeine Arbeit getan,
Und nicht ohne Neid
Sehn wir euch ſchalten, bald wild, bald mild,
Sehen euch lachen und weinen und lieben
Im eisbefreiten umgrünten Gefild'.
„Nun hebe dich weiter, ſterblicher Mann,
Verweile nicht ſtaunig in unſerem Bann,
1 Germaniſche Bezeichnung für den Weltbrand.
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