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170 Waldeinſamkeit.
ſpannt ſich eine epiſche Einkleidung, diesmal wirklich faſt nur als
Rahmen, um eine Reihe von Naturſchilderungen, denen die leiden-
ſchaftlich innerliche Verbindung mit dem Helden fehlt. Ein Forſt⸗
amtsaktuar — die ſonſt ſo realiſtiſche Dichtung nennt ihn nur mit
dem ſymboliſchen Namen „Waldfreund“ —, der mit ſeiner Mutter
im Forſthauſe Schratimberg im Vorlande der Alpen hauſt, hat
in ein Stadtkind ſich verliebt: Wilhelmina, die Tochter eines ge—
lehrten Rektors, mit dem ſie in der Müͤhle des Reviers zur Sommer-
friſche eingezogen war. Ein Widerſtreit ihrer äſthetiſchen Über-
zeugungen — ſie ſchwärmt für ſüdlichen Himmel und italiſche
Kunſt, er behauptet, man müſſe ſeine Almen ſchöner finden, wenn
man nur richtig zu ſchauen verſtehe —, hat zu manchen Ausein-
anderſetzungen geführt, ſo daß man ſ chließlich ſchmollend ſich trennte.
Durch ein „Schratbergalbum“, in dem der zeichnende und dichtende
Forſtmann 12 Waldſzenen aus ſeinem Revier mit Stift und Wort
ſchildern will, hofft er die Geliebte zu überzeugen. Noch ehe aber
das Album abgeſandt wird, hat die Mutter unter der Hand alles
ins reine gebracht, und mit befriedigendſter Pünktlichkeit treffen
zugleich die Meldung von der Beförderung des Aktuars zum
Förſter und die Zuſicherung der Hand Wilhelminens ein.
Auch in dieſer Dichtung ſteckt Erlebtes. Hinter dem zeich—
nenden und dichtenden Manne der grünen Farbe, dem „Künſtler
im Lodenrock“, ſteckt natürlich der Dichter ſelbſt, der als leiden—
ſchaftlicher Zäger in Schilf und Rohr ſeiner Bodenſeebucht den En⸗
ten nachſtellt, mit ſinniger Naturbetrachtung, „in hohen Gedanken
und Stiefeln“, die Landſchaft durchſtreift, natur- und kulturwiſſen-
ſchaftliche Belehrung in ihre Schilderung einſtreuend. Auch das
Lenaubegeiſterte, fürſorgliche, für den ſchüchternen Sohn tat⸗-
kräftig handelnde Mütterlein iſt ſichtlich in Erinnerung an die
eigene Mutter geſtaltet. Wie weit ſonſt der Einkleidung ein be⸗
ſonderes Erlebnis zugrunde liegt, entzieht ſich einſtweilen der
Kenntnis. Liebenswürdige Unbedeutendheit bleibt der Charakter
der Dichtung; die Wirklichkeitsfreude ihrer Schilderung ſinkt viel⸗
fach zur Proſa herab, und nur für einzelne Abſchnitte, wie jenes
anmutigſte Stück des „Morgengeſanges“, erſcheint die äußerlich
dichteriſche Form durch den dichteriſchen Gehalt von innen ge⸗
rechtfertigt.
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