Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., E 6990,me-1
Scheffel, Joseph Victor von; Panzer, Friedrich [Hrsg.]
Scheffels Werke (1)
[1919]
Seite: 172
(PDF, 92 MB)
Bibliographische Information
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/scheffel_werke1/0245
172 Waldeinſamkeit.

Dort lebte er eifrig dem Forſtmannberuf,
Der täglich neue Freuden ihm ſchuf,
Und war ſich eigentlich ſelber nicht klar,
Daß er ein Künſtler im Lodenrock war,

Der, wie Adalbert Stifter, den Stift in der Hand,

Feinſten Wildhonig im Heimatwald fand.
Denn allzeit, wohin ihn ein Dienſtgang verſchlug,
Im Büchſenranzen und Ruckſack trug
Bei Pulver und Blei er auf Schritt und Tritt
In Leinwand gebunden ein Skizzenbuch mit
Und wo ein landſchaftlich ſchönes Motiv
Den Trieb der Nachbildung wach in ihm rief,
Da ward's, wie er ſprach, „der Natur abgeſpickt
Und abgeriſſen und abgezwickt“.
Gewiſſenhaft trug er's dem Skizzenbuch ein
Und nannte dieſes ſein Zwickbüchlein.
In Winterszeit, im traulichen Heim,
Erſann er zum Bild den erläuternden Reim.

Als nun dem Guten die Stunde genaht,
Die jeglichem ſchlägt auf dem Lebenspfad,
Wo Minnewirrwarr und träumend Verlangen
Spannkräftig das ſehnende Herz umfangen,
Als die Linden blühten mit duftigſtem Ruch,
Kam zur Sommerfriſche ein Hauptſtadtbeſuch;
Es nahm in der gaſtlichen Mühle Quartier
Beim Birkengeheg' in Waldfreunds Revier
Ein Rektor, weit als Gelehrter bekannt,
Mit Tochter, Wilhelmina genannt.
Die war ganz ein echtes Hauptſtadtkind,
Ein Wildfang, pikant, ſehr weltlich geſinnt,

Schier ein wenig frivol — ſprach gebildet, ſprach

fein,
Auch manchmal kräftig ins Blaue hinein.
Aber wenn grazios ihre Scherze ſie machte,
So recht von Herzensgrunds Tiefe auflachte
Und den blonden Schwall des Gelocks rückſtrich,
Dacht' mancher herzklopfend an „Du“ und an „Ich“.

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