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Vorwort. 173
Als der Forſtmann zum ſtadtfeinen Fräulein ſich fand,
Leis unbewußt Neigung zu Neigung entſtand,
Die äußerte ſich, ein magnetiſcher Fluch,
Anziehend, abſtoßend im Widerſpruch.
Zwar wollten ſie täglich nicht viel ſich entbehren,
Doch viel an ſich meiſtern, belehren, bekehren;
Und als der Urlaub zur Endung kam,
Ihr Geplauder kritiſche Wendung nahm.
Sie ſchwärmte in enthuſiaſtiſchem Dunſt
Für ſüdlichen Himmel, italiſche Kunſt;
Vielleicht daß als fernes Motiv dabei leiſe
Den Gedanken obſchwebte die Höochzeitreiſe.
Er ſprach: „Was ſcheren mich Pinien und Palmen?
Im Latſchengeſtrüpp, im Wildheu der Almen,
Üb'rall, allüb'rall iſt's künſtleriſch ſchön,
Man muß nur richtig zu ſchauen verſtehn!
Ja man könnt' im Revier hier, würd's einer bezahlen,
Ein ganz Belvedere' zuſammenmalen.“ —
„In der Kunſt gibt's eben“, warf ſpöttiſch ſie hin,
„Einen niederen und einen höheren Sinn .“ —
Item, ein Wörtlein das andere gab,
Man reiſte nicht ohne Verſtimmung ab
Und ahnte ſelbzweit noch nicht, daß ein Zwiſt
Sich entfaltender Neigung Anzeichen oft iſt.
Als jedes zu Hauſe, kam jedem die Reue;
Sie ſchmollte, und Waldfreund brummte, der treue:
„Statt Rache zu nehmen mit ſtrafendem Eiſen
Will ich mein Wort durch die Tat ihr beweiſen,
Ich zeichne ein Album, Granatelement!
Vom Schratbergrevier, daß ſie reuig erkennt,
Daß Unſereinen man nicht braucht zu zobeln?,
Noch ihm einen niederen Sinn abzuhobeln!!“
Geſagt und getan! Stets iſt es zu loben,
Verſtimmung der Liebe in Kunſt zu vertoben.
1 Die Kaiſerliche Gemäldegalerie in Wien, bis 1891 im Belvedere, dem
einſtigen Luſtſchloſſe des Prinzen Eugen, untergebracht. — 2 Südweſtdeutſch
und bayeriſch = zupfen, zauſen.
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