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Uber Heide und Moor. 175
Von Skizzen, Entwürfen und Strichen in Stift,
Notizen, Gedanken und Verſeſchrift...
Hier Studien von Bäumen, Waldinn'rem und Rohr —
Dort bricht wie ein Springquell die Dichtung hervor
Dem Gegenſtand gleich, bald phantaſtiſch in Form,
Bald lyriſch und weich, den Klingreim als Norm.
In dieſer Art Schaffens ein Zauber ruht,
Weil die friedliche Streitfrage auf ſich tut:
„Sind die Bilder der Dichtung Illuſtration?
Gab der Maler dem Dichter die Inſpiration?
Vielleicht daß ein Spät'rer, melodiſch beſchwingt,
Die Waldfreundſtimmung in Noten noch bringt...
Doch entſcheidet nun ſelber, die Blätter zur Hand,
Und vernehmt, was geſchrieben im Zwickbuche ſtand.
———
Erſtes Blatt.
Über Heide und Moor.
Im Zwielicht des Morgens entſchreit' ich dem Haus,
Und rück' halbverſchlafen als Freibeuter aus,
In hohen Gedanken und Stiefeln.
Wohl trag' ich die Büchſe, doch jag' ich kein Wild,
Nur hier und dort eine Stimmung, ein Bild,
Wie Zufall der Wand'rung es bietet.
Auf denn und vor!
Durch Schilf und durch Rohr
Zum Hochwald empor
Über Heide und Moor!
Breit dehnt ſich die Fläche in dämmerndem Schein,
Und Nebel der Frühe ſpielen herein
Aus dem Erlengebüſch, das die Niederung ſäumt,
Wie Träume, die einer vor Hahnenſchrei träumt.
Der Boden ſchwankt hohl unter tretendem Fuß,
Schuhwerk will mit Waſſer ſich füllen,
Denn hohl iſt alles, vertorft und verfilzt,
Und ſumpfig vermooſt, daß kein Baum mehr gedeiht
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