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176 Waldeinſamkeit.
Als melancholiſch die Föhre des Moors,
Die mit ſchwankendem Stamm und zerzauſtem Geäſt
Windſchief aufſteigt aus dem Röhricht.
Da, dort erblinkt mit trägſtehender Flut,
Von des Enzian Wurzel goldbraun gefärbt,
Buſchfohrenumſäumt ein Getümpel,
Von ſeidenſchwarz glänzendem Rohrkäfervolk
Und Fröſchen beſucht
Und in Wirrnis bedeckt
Von der ſchwimmenden Waſſernuß ſchwärzlicher Frucht.
Wohin biſt du verdunſtet, vorzeitliche See,
Die hier einſt gewogt, und ihr, Rieſengetier,
Das hier ſich geäſt am Ufermoraſt?
Noch gibt uns Kunde tief unten im Tuff
Das Schaufelgeweih, das der Rieſenhirſch einſt
Und der Elch abwarf,
Und des Auerſtiers mächtiges Stirnhorn.
Der See ward zu Schlamm und der Schlamm ward
zu Torf,
Und der Torf überdeckte das Pfahlbaudorf
Und das Rieſengetier und den FZäger mit ihm,
Der von ungefügem Flitzbogen dereinſt
Die Feuerſteinpfeile entſandte.
Auch der Biber fehlt, der biedre Kumpan,
Der Holzarchitekt mit dem nagenden Zahn,
Ohne Nachwuchs verſchwand das Eiſen des Walds,
Die Eiche, verſchwanden die Buchen mit ihr
Und alles hochſtämmige Laubholz.
Nun wuchert das Schilfrohr, nun filzt ſich das Moos
Und die raſenbildende Binſe;
Cypergräſer mit flockigem Halm
Und Namen — wer hat die Botanik noch los? —
Sphagnum und Hypnum und Carex auch
Seh' ich verkörpert hier wuchern.
Als Abart ferner Vergangenheit,
Da ihr Geſchlecht noch ein großes war
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