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Waldeingang. Morgengeſang. G 179
Noch entzückt uns alle die Schönheit des Blatts,
Sein gekerbter Rand, ſein Gebuſchtſein zum Strauß;
Noch ſchmückt dem Krieger zum Sturmlauf der Schlacht
Das Eichreis den Helm,
Und ein Eichlaubkranz ehret den Sieger.
Denn den Göttern war und den Manen geweiht
Die Eiche, der Deutſchen urheiliger Baum,
An ihren Stamm hing als Weihgeſchenk
Des Beſiegten Schild der Freiſaß des Walds,
Und wenn ihm ſelber der Schwerttod genaht,
Hing des Ahnherrn Schlachtſchild der Enkel dazu
Als Denkmal im Hain ohne Inſchrift.
Wenn nächtiger Sturm dann ſein Brauſen erhub,
Da klirrten im Wetter die Schilde zuſamm'’,
Und zum Kind ſprach die Mutter: „Nun ſprengen einher
Die von Heervater Wodans altheiligem Heer!“ —
Hier möcht' ich dereinſt am geweihten Ort,
Der ſo fromm mich ſtimmt, wie ein Münſter von Stein,
Nach des Lebens Genuß und des Lebens Verdruß
Im Eichenſchatten ausruhn mein Gebein,
Von geliebter Hand einen Kranz ob dem Grab,
Und hoch im Geäſt
Von der Wipfel Flüſtern noch leiſe genannt:
„Waldfreund!“
—... —ö——
Drittes Blatt.
Morgengeſang.
Waldeinſamkeit, Waldeinſamkeit!
Hier winkt ein Plätzlein, dir geweiht.
Verſchwunden die Fernſicht auf Täler und Au,
Verſchwunden des Himmels reinſtrahlendes Blau,
Nur lichtgrün verſchwiegene Wildnis allum
Und der Hainbuchen Scharen, verträumt und ſtumm.
Man meint zu vernehmen im lauſchenden Geiſt
Wie ſchwellend ihr Saft durch die Stammfaſern kreiſt.
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