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Morgengeſang. Das alte Waldſchloß. 181
Viertes Blatt.
Das alte Waldſchloß.
Verſtrüppt und wild ein ander Bild,
Ganz überſchüttet von Laubſtreu;
Von Schichte zu Schichte verſinkt drin der Fuß,
Kein Echo meldet die Tritte.
Unheimlich verödet und regungslos
Hält ſchwüle Sieſta das Reichsgrafenſchloß,
Nur das blitzende Licht bringt Bewegung.
Die Fenſter grilliert
Mit gebauchtem, geſchnörkeltem Eiſengeſtäb,
Das vergoldet einſt war,
Ein Rokokoſchemen der Großväterzeit,
Senkt der Bau mit der hohen Eſtrade
Zum Waldesdunkel
Die einſt moderne Faſſade.
Das war eine höfiſche Gartenkunſt einſt
Von Taxus und Buchs, mit der Schere normiert,
Von Buſchpyramiden und Tulpenflor,
Von Muſchelgrotten und Sphinxen.
Noch gibt verwittert Kunde davon
Ein Säulentorſo, wohl kanneliert,
Und im Brombeergeſträuch hebt mit plaſtiſchem
G Schwung
Den Marmorleib
Und die ſchwellende Bruſt und den zierlichen Arm
Die letzte vom ſchönen Najadenſchwarm.
Des Mittags Hitze liegt brütend und ſchwül
Ob dem öden Parke, kein Lüftlein weht kühl,
Und ſchläfrig ſchaut und verdroſſen drein,
Als gähn' es im Traume, das alte Geſtein,
„Mon Halali“ einſt vom Gebieter benannt.
Es denkt anders denn wir und hat Kummer und Leid
Vom geräuſchloſen Walten der Einſamkeit;
Das Gähnen bedeutet die Langeweil'
Des Vergeſſenſeins,
Und ich kenne den Traum und ich daut' ihn:
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