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Nach dem Windbruch. Einſarmne Blumen. 185
Sechſtes Blatt.
Einſame Blumen.
Nebel wallen, Wolken fliegen,
Der Fuß ſpürt, daß er hoch verſtiegen...
Iſt's eine Klamm, iſt's ein Geſäuſe?
Schrill tönt's wie Pfeifen der Murmelmäuſe.
Baumlos aufgähnt eine enge Schlucht,
Durch die ein Wildwaſſer Durchpaß ſucht,
Das polternd und ſtürzend an ſenkrechter Wand
Über Trümmer und Blöcke talab kommt gerannt.
Zu rauh für der Tannen ernſtfinſteren Schmuck
Starrt's hier wie ein Platz für Berggeiſterſpuk,
Hier hauſt wohl der Schrat in dem Berge.
Moos ſäumt den Keſſel des Wildbachfalls
Und als ſpärlicher Reſt des lebendigen Alls
Wiegt eine weltferne Bergblumenſchar
Die ſchwankenden Stengel im Sprühſchaum.
Vergnügt in ſich ſelber, in Sommerfriſchluſt
Neigt ein Wildroſenſtrauch ſeinen uppigen Bluſt
Hinab zum rauſchenden Waſſer.
Hier halt' ich, ein hungrig durſtiger Gaſt,
Bei einſamen Blumen einſame Raſt!
.Wo Felſenunwirtlichkeit Faſten aufzwingt,
Der Weiſe ſich ſelber Bewirtung mitbringt
Und entnimmt des Bergſacks bergenden Falten,
Was als Imbiß vom Mütterlein heut er erhalten,
Kaltſtellend in den eisfriſchen Quellen,
Was wohltut den müden Weidgeſellen,
Der Mahlzeit Würze, die Flaſche mit Wein,
Tiroler Burgunder, den roten Algunder...
Mit dem erſten Trunk des gekälteten Purpurs
Sei weihend des würdigen Freundes gedacht,
Mit dem, was als Zauber im Hochgebirg' lacht,
An dieſer Stelle zuerſt ich empfand.
Ihn freute der Hammer als Mineralog,
Die Kugelbüchſe, wenn's galt dem Gejaid,
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