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186 Waldeinſamkeit.
Und, wo er auf glücklichen Pirſchgängen zog,
Erſchien ihm die Muſe im Fagdjuppenkleid.
„Uns iſt Muſik“, ſo ſang er, „wenn's ſauſt,
Wenn das Geſtein vom Abſprung der Gemſen
Rollend die Gräben hinunterbrauſt...
Uns iſt das Echo knallender Büchſen
Mehr als Trompeten und Paukengepräng,
Unſre Juwelen glänzen im Tau,
Unſere Feſte im Felſengedräng'.“
Heil dir, du Mann mit dem Herzen von Gold,
Mit dem ſilbernen Haar und den Sehnen von Stahl,
Wildangerfröhlicher Forſcher'!
Nun aber drei wilde Röslein gepflückt
Und den Fägerhut und die Bruſt geſchmückt
Und wieder hinab zu den Wäldern!...
Es beflügle den Schritt mir der ſinnige Spruch,
Den das Mütterlein rot ſtrich im Lenaubuch?:
„Weiter ſoll ſich Lieb' von Lieb'
In das Land nicht wagen,
Als man blühend in der Hand
Kann die Roſe tragen!“
Siebentes Blatt.
Waldbrand.
Auf Freud' folgt Leid, auf Luſt folgt Grauen —
Was iſt dort für ein Wölklein zu ſchauen?
.. . Das Wölklein wird Wolke, die unheilerfüllt
Waldſaum und Wald in Rauchmaſſen hüllt;
Drin leuchtet's und züngelt, und nordwindentfacht
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Bricht ein Flammenmeer los mit verheerender Macht,
Das kniſtert und praſſelt und leckt und loht,
Bis empor zu den Wipfeln in Goldgelb und Rot.
1 Franz von Kobell (1803—81), Mineralog und Dichter und leiden-
ſchaftlicher Zäger; Verfaſſer des „Wildanger. Skizzen aus dem Gebiet der
Jagd und ihrer Geſchichte“, Stuttgart 18569. — ² Aus Lenaus Gedicht „An
die Entfernte“ aus dem Gedächtnis ungenau angeführt.
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