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Einſame Blumen. Waldbrand. Sonnenuntergang. 187
Schnell bräunt ſich das Laub, das Aſtwerk zerſpellt,
Mit ſtürzenden Stämmen bedeckt ſich das Feld,
Und vorwärts wälzt ſich zum offenen Land
Widerſtandslos der entſetzliche Brand ...
In mächtigen Sätzen, die Schnauze voll Schaum,
Setzt kunſtgerecht über den rauchenden Baum,
Der geröſtet zerbarſt, ein behender
Feiſtkräftiger VBierzehnender.
Ihn jagt kein ſterblicher Fägersmann;
In glührotem Mantel durchwütet den Tann
Mit hölliſchem Heerſchargetöſe
Des Glutwinds Sohn, Typhon' der Böſe.
Achtes Blatt.
Sonnenuntergang.
Wolkenlos rein, klarduftig erglänzt
Der Abendhimmel, und weihevoll
In heiligem Schweigen ſcheidet der Tag
Und der Lichtquell des Tags,
Dem wir danken, was farbig und ſchön iſt.
Sehkraftblendend, dem Auge zu ſcharf,
Verſprüht inmitten der Eichwaldlichtung
Des Weltenfeuers ausſtrömende Glut,
Schießt Strahlenpfeile durch Dickicht und Hellung
Und Stäubchen im Duft aus dem Innerſten vor,
Säumt Stämme und Äſtung mit ſtreifendem Blitz
Und ſchimmert jenſeit des Schattengrüns
Der Laubmaſſen durch, daß die Rieſen des Forſts
Vor der goldigen Luft
Wie Heilige daſtehn, auf Goldgrund gemalt.
O Sonne, lichtſpendende Himmelszier,
Kraft, Liebe und Leben! .. erwecke auch mir
Mit jedem Scheiden die ſehnende Luſt,
1 In griechiſcher Mythologie ein Rieſe der Urzeit, mit dem man vulka⸗
niſche Ausbrüche in Verbindung brachte.
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