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Einleitung des Arrauegebere. 199
Die Liedergruppe „Italieniſches“ ſpiegelt jene tiefe Sehn-⸗
ſucht nach der Ungebundenheit freien Kunſtlebens, wie er ſie in
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Italien genoſſen, und ihren Widerſpruch zu den eingeengten Ver⸗
hältniſſen im Vaterhaus und Vaterland, den die Briefe dieſer
Zeit vielfach unwillig beklagen. Das Vorbild Heineſcher Dichtung
wird hier wieder ebenſo deutlich wie in der Nachleſe zu den
„Trompeterliedern“, die den ſchon in das Epos eingefügten
Geſängen keinen neuen Zug hinzufügt.
Auch die Nachleſe zu „Frau Aventiure“ bietet nichts
mehr von erheblicher Bedeutung. Als Träger der Lieder finden
wir mehrfach aus jener Sammlung bekannte Geſtalten, und Be—
ziehungen auf den Wartburgroman werden deutlich. Heinrich von
Veldekes „Ehrengedächtnis“ läßt ſich ſehr wohl Wolfram in den
Mund gelegt denken; es iſt ganz literariſch, im weſentlichen eine
Umſchreibung der bekannten Stelle in Gottfrieds „Triſtan“, die
den Veldeker als den Vater der höfiſchen Dichtkunſt preiſt. Von
Reinmar dem Alten erhalten wir hier, was in „Frau Aventiure“
bei den deutſchen Dichtern durchaus vermieden iſt, die übrigens
ſehr gefãllige Überſetzung eines echten Liedes. Der Meiſter der
„Scheltung“ iſt Walter von der Vogelweide; unter der Ver—
hüllung ſchildert der Dichter ſeine Zeit und ſich ſelbſt, die Fornaa⸗
zeigt Anregung durch Rückert. Unmittelbar zu des „Meiſters
Geheimnis“ gehört die „Erinnerung“. Die zarten Beziehungen
zu der Franzöſin in Breſtenberg ſind auch ihr Ausgang. „Beche⸗
laren“ ſollte gewiß dem Meiſter Konradus in den Mund gelegt
werden, der, am Rheine zu Hauſe, an der Donau lebt in nahen
Beziehungen zum Markgrafen von Bechelaren. Auch das „Lob
der Wienerin“ konnte für den Roman gedacht ſein und „Brun⸗
hilde“ in ihm Platz finden, wo von der Brünhild des Nibelungen⸗
liedes die Rede war; wurde der geſchichtliche Urſprung dieſer
Geſtalt doch mehrfach in der fränkiſchen Brünhild furchtbaren
Angedenkens geſucht. Auch Goliardenklänge ertönen wieder und
Kreuzzugserinnerungen werden geſtaltet: wir bleiben alſo durch⸗
aus in dem bekannten Kreiſe, die Mehrzahl der Lieder aber kann
ſich mit denen der Sammlung an Kraft und Kunſt nicht auf
eine Stufe ſtellen.
In der Gruppe der „Vermiſchten Gedichte“ findet man
ſtammelnde JZugenddichtung, der Freundſchaft, Mutterliebe,
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