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23⁰
Nachleſe.
„Iſt's der Gram um Anna Kejotvoes,
Jene ſchlanke Ungartochter,
Der ſo oft in Debreczin wir
An dem Haus vorbeigeritten?
„Iſt's der Gram um Kniczanin', den
Tapferſten von Serbiens Söhnen,
Den der Türke ſchnöd erſchlagen
An dem Paß von Demir Kapi??
„Miloſch, Miloſch, mein Gebieter,
Scheuch den Gram von deiner Stirne,
Laß uns reiten nach Semendria
Oder nach Kragujewatz.
„Anna Kjotvoes liegt im Grabe,
Tot iſt Kniczanin, der Alte,
Aber dir wohnt edles Leben
Noch im Baue deiner Glieder.
„Auf drum, ſchwing' dich auf den Rücken
Deines treuen Roſſes Mirjam:
Auf der Wieſe von Kametza
Iſt kein Feld für Miloſch' Taten.
„Serbiens Jugend harrt auf Miloſch,
Daß er ſie zum Kampfe führe,
Und Konowas Mägdlein ſehnen
Sich nach Miloſch Fedorowitſch.“
— Alſo ſprach die treue Stute.
Doch der tapfre Miloſch ſeufzte,
Gähnend reckt er ſeine Glieder,
Legt ſich auf die andre Seite.
Kummer furchte ſeine Stirne,
Und ſein blaues Auge zuckte
In dem Duft der Thymiankräuter,
In dem Duft der wilden Roſen.
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1 Stephan Petrovié Knicanin (1809 — 55), ſerbiſcher General,
Anhänger Miloſchs, 1848 Führer einer Freiſchar gegen Ungarn. — ² Der
Eiſerne Tor-Paß.
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