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1. Bummellieder und ſcherzhafte Gedichte. 2539
Sein germaniſch ſpitzer Frack erſt
Und ſein kühn formierter Filzhut
Überſchreitet faſt die Grenze
Selbſt des primitiv Erlaubten.
Statt auf des Begriffes Leiter
Zu des Abſoluten Ather,
Steigt auf primitivem Tannſproß
Er zum Fenſter ſeines Maidlis.
Statt des ſchlechthin Allgemeinen
Faßt er ihre ſchlanke Hüfte, L
— O welch primitive Schönheit
Liegt in dieſem Einzelweſen!
Das ſpezifiſch Himmelblaue
Strahlt aus dieſen frommen Augen,
Dieſes rote Mündlein iſt ein
Plaſtiſch ſchöner Organismus.
Primitiv iſt ihre Haube,
Primitiv das enge Mieder
Samt der ſchwindelnd hohen Taille,
Primitiv ſind beide Zöpfe.
Und vom Primitivſten ſchweig' ich,
Doch im Dunkeln hör' ich leis ein
Krampfhaft primitives Küſſen!
— Sonderbar verrückter Standpunkt! —
Eine traurige Geſchichte.
Ein Hering liebt' eine Auſter
Im kühlen Meeresgrund;
Es war ſein Dichten und Trachten
Ein Kuß von ihrem Mund.
1 DHas Gedicht parodiert die traurige „alte Geſchichte“ des bekannten
Gedichtes aus dem „Lyriſchen Intermezzo“ in Zeines Buch der Lieder“:
Ein Füngling liebt ein Mädchen.“
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