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Nachleſe.
Ich wollt', ich wär' ein Haienfiſch
Im tiefen, tiefen Meer,
Dann fräß' ich alles, was da ſchwimmt,
Vergnüglich ringsumher.
Und wenn ich ein Aasgeier wär'
Mit ſcharfer, ſcharfer Krall', 10
Fräß' ich die Vögel insgeſamt,
Kolibri wie Nachtigall.
Ich wollt', ich wär' eine Klapperſchlang'
In der dummen, freien Natur,
Vergiftet wär' in bäldeſter Zeit 15
Die ganze Kreatur.
Ich wollt', ich lief mit Wutgebrüll
Herum als Mordhyäne,
Dann faßt' die ganze Menſchheit ich
Als Frühſtück zwiſchen die Zähne.
£
*Zum Schluſſe noch mit kaltem Blut
Fräß' ich mich ſelbſt dazu:
Denn anders kommt mein' große Wut
Doch nimmermehr zur Ruh'!
Poetennot.
An L. Knapp', während der Roman „Ekkehard“ erſonnen ward.
(Hof Hohentwiel bei Singen, Pfizers Gaſthaus, Ende April 1854.)
Der ich von grünen Neckar-Schilfgeſtaden einſt
Hinüberſtieg zu Alemanniens alter Burg
Und auf baſaltner Hochwacht dort mich feſtgeſetzt,
Ausſpähend nach den Alpen und dem Bodenſee,
Ob mir ein Gott beſchere günſt'ger Vögel Flug 5
Und eine Heerſchar brauchbarer Geſtaltungen
Samt üpp'gem Weben zeugender Erfindungskraft:
Hier ſitz' ich jetzt, ein dreimal angeleimter Mann,
In eigner Torheit aufgequollnem Nebelqualm,
1 Über L. Knapp vgl. unten S. 251, Anm. 1.
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